Stressbedingtes Übergewicht

Warum Dauerstress Appetit macht

14.05.2020 / #meinbuntesleben Redaktion
Ein Burger wird mit zwei Hönden gehalten
Wer Stress hat, greift gerne zu Fettigem oder Süßem – stressbedingtes Übergewicht hat jedoch noch weitere Gründe.

Wer permanent unter Strom steht, isst häufig mehr Süßes und Fettiges und kann dadurch schnell an Gewicht zulegen. Stressbedingtes Übergewicht lässt sich aber nicht allein mit Kalorienüberschuss und Bewegungsmangel erklären. Die Wissenschaft ist den Mechanismen in Gehirn und Stoffwechsel auf der Spur.  

Viele Menschen nehmen unter Stress zu. Eigentlich kein Wunder, denn bei Zeit- und Leistungsdruck bleibt die ausgewogene Ernährung oft auf der Strecke. Doch das allein ist nicht der Grund für stressbedingtes Übergewicht. So haben US-amerikanische Wissenschaftler schon vor einigen Jahren herausgefunden, dass der Körper nach stressigen Erlebnissen weniger Kalorien verbrennt als im Normalzustand.* Die in ihrer Studie untersuchten Frauen verbrannten nach einer fettreichen Mahlzeit im Schnitt 104 Kilokalorien weniger, wenn sie zuvor einen Stresstag erlebt hatten. Auf ein Jahr hochgerechnet, kann dies eine Gewichtszunahme von knapp fünf Kilogramm bedeuten.

Mehr Appetit in stressigen Situationen

Erschwerend kommt hinzu, dass Menschen unter Dauerstress oft eine scheinbar unstillbare Lust auf kalorienreiche Lebensmittel verspüren. Eine Forschungsgruppe in Australien hat nun auch Hinweise dafür gefunden, warum sich viele Menschen in solchen Situationen mit Chips oder Schokolade trösten. Offenbar kommt es nicht von ungefähr, dass man diese Seelentröster auch „Nervennahrung“ nennt. Ihre Studie an Labormäusen zeigt, dass offenbar das Gehirn verantwortlich für den gesteigerten Appetit ist.** An dem Prozess beteiligt ist unter anderem ein bestimmter Botenstoff, das Neuropeptid Y (NPY). Als „Appetit-Molekül“ steuert es das Hungergefühl. Im Normalfall sinkt der NPY-Spiegel nach einer Mahlzeit wieder. Die Laborexperimente zeigten aber, dass Mäusegehirne in stressigen Situationen und bei kalorienreichem Futter mehr appetitanregendes NPY produzieren. Außerdem wird es dann nicht nur in einer einzigen Hirnregion – dem Hypothalamus – produziert, sondern auch in der Amygdala. Dies ist ein weiterer Hirnbereich, der vor allem für die Verarbeitung von Stress und Emotionen zuständig ist. Wurden die Mäuse unter Stress gesetzt und mit besonders kalorienreichem Futter versorgt, stieg ihr NPY-Spiegel ungebremst an. In der Folge fraßen sie noch mehr.

Stress dämpft die Wirkung von Insulin

Wie die Laborversuche zeigten, spielt neben dem Molekül NPY auch das Hormon Insulin eine wichtige Rolle. Normalerweise steigt mit einer Mahlzeit der Insulinspiegel im Blut, damit das Hormon den Zucker in die Körperzellen schleusen kann. Das Gehirn bemerkt den Insulinanstieg im Blut und schaltet auf Sättigung um. Im Laborversuch reagierten die Nervenzellen im Gehirn der Mäuse unter Stress allerdings nicht mehr auf Insulin. Die gestressten Labormäuse blieben hungrig und wurden immer dicker. Das australische Forscherteam betont, dass die Erkenntnisse zu Mäusen sich prinzipiell auch auf den Menschen übertragen lassen, da der Stoffwechsel bei beiden ähnlich arbeitet.

Tipps für weniger Stress und gesunde Ernährung

Stress und die damit verbundenen Emotionen hemmen also zum einen die Kalorienverbrennung des Körpers. Gleichzeitig stören sie die Bereiche im Gehirn, die normalerweise für ein gesundes Essverhalten sorgen. Der Appetit wird immer größer, und auch eine kalorienreiche Mahlzeit macht einfach nicht satt. Am figurfreundlichsten wäre es also, ungesunden Stress abzubauen:

  • Sport und Bewegung können ein gesundes Ventil für den Druck sein, den der Körper in stressigen Situationen aufbaut. Positiver Nebeneffekt: Bewegung verbrennt zusätzliche Kalorien.
  • Meditation und mentales Training können zu mehr innerer Ruhe und Gelassenheit verhelfen.
  • Augenblicke des Glücks kann man bewusst herbeiführen – sei es durch Spaziergänge, Wellness oder schlichtes Nichtstun. Genuss und Wohlbefinden entstehen nicht nur beim Essen!
     

Allerdings lässt Stress sich in unserer hektischen Zeit nicht immer vermeiden. Wer besonders anfällig dafür ist, sollte deshalb an stressigen Tagen bewusst auf seine Ernährung achten:

  • Gesunde Snacks statt Kalorienbomben bereithalten. Gemüse-Sticks mit einem Dip aus Quark etwa enthalten weniger Kalorien und führen außerdem nicht zu einer vermehrten Insulinausschüttung.
  • Schnelle gesunde Mahlzeiten vorbereiten. Ausgewogene Küche muss nicht aufwändig sein. Wer vorbereitete gesunde Mahlzeiten in seinem Kühlschrank findet, greift auch bei Stress nicht so schnell zu ungesunden Alternativen.
  • Nicht nebenbei essen. Auch wenn es unter Zeitdruck nicht leichtfällt, sollte man sich bei den Mahlzeiten ausschließlich auf das Essen konzentrieren und nicht nebenbei Mails checken oder fernsehen. Bewusstes Essen und Genießen helfen dabei, das Sättigungsgefühl rechtzeitig wahrzunehmen.

So tut man auch in stressigen Phasen etwas für die eigene Gesundheit. Anregungen zu Genuss und Ernährung mit vielen leckeren und gesunden Rezepten gibt es zum Beispiel unter www.mein-buntes-leben.de/essen-und-trinken.

*Quelle: https://www.eurekalert.org/pub_releases/2014-07/osu-wis071014.php; Kiecolt-Glaser, J., et al. Daily Stressors, Past Depression, and Metabolic Responses to High-Fat Meals: A Novel Path to Obesity. Biological Psychiatry  77(7), 653-660. https://dx.doi.org/10.1016/j.biopsych.2014.05.018

**Quelle: Ip, C. K. et al.: Amygdala NPY Circuits Promote the Development of Accelerated Obesity under Chronic Stress Conditions In: Cell Metabolism, 2019, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1550413119301858