Partylaune oder Prüfungs-Stress?

Tipps fürs Studium mit Diabetes

08.04.2016 / Sarah F.
Blog Studium und Diabetes Sarah
Beim Studium mit Diabetes im Gepäck gilt es einiges gleichzeitig zu jonglieren

Studienbeginn und Typ-1-Diabetes: Da bekommt Selbstmanagement schnell einen anderen Stellenwert. Sarah erzählt wie sie alles unter einen Hut kriegt – und genießt.

Der Umzug

Der Tag, an dem das vertraute Nest verlassen werden muss, kommt für jeden früher oder später. Dabei werden die unterschiedlichsten Ziele verfolgt. Der Eine geht an die Uni, der Andere beginnt eine Ausbildung und der Dritte startet einen neuen Job. Aber ganz egal wohin der Weg führt, mit Diabetes hat man meist den ein oder anderen Umzugskarton mehr zu tragen.

Der Morgen, als es bei mir wirklich soweit sein sollte, kam viel zu schnell. Gestern noch hatte ich gebangt, ob ich denn auch wirklich an der Uni meiner Wahl für mein Studium genommen werde, heute fand ich mich zwischen einem Haufen Kisten und freiwilligen Umzugshelfern wieder.

Umzug mit Diabetes
Der Diabetes macht jeden Umzug mit - in Kartons und im neuen Leben


Einerseits freute ich mich, dass es nach meinem Abitur nun endlich weiter gehen sollte, andererseits sind Sorgen und Zweifel in so einer Situation sicher sowohl berechtigt als auch bis zu einem gewissen Punkt normal. Ich für meinen Teil war mehr als froh diesen Schritt nicht alleine gehen zu müssen, sondern meinen Freund an meiner Seite zu haben. Irgendwie hat der Diabetes, trotz der Hoffnung, er würde einfach in meinem alten Zimmer bleiben, einen Weg gefunden, nicht nur Platz in einem der vielen Umzugskartons  zu finden, sondern auch einen Platz in meinem neuen Leben zu gewinnen. Bemerkbar machte sich das spätestens als ich Traubenzucker-kauend und erschöpft auf der Treppe saß, während neben mir unter Ächzen und Stöhnen Waschmaschine, Klamotten und Co langsam den Weg in die neue Wohnung fanden.

Selbstmanagement, Eigenverantwortung und Selbstständigkeit

Noch heute bekomme ich regelmäßig den Anruf „Sie waren dieses Quartal noch gar nicht zur Hba1c-Untersuchung da“. Meist stelle ich bei einem Blick in den Kalender fest, dass das stimmt. Vorlesung hier, Arbeiten da, Prüfungen dort. Die Quartalsuntersuchung ist da wohl untergegangen.

Wer die Diagnose Diabetes bekommt, der muss, ob er will oder nicht, Selbstmanagement, Eigenverantwortung und Selbstständigkeit lernen. Wann man wirklich beginnt diese Eigenschaften zu nutzen, ist bei jedem unterschiedlich. Klar ist nur, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, an dem wir nicht mehr die Möglichkeit haben, die Verantwortung an andere abzugeben, sondern wir selbst mit diesen Dingen beginnen müssen.

Besagter Zeitpunkt ist spätestens, wie bei mir, wenn das Studium los geht.

Ein Kalender muss her, die Diabetesvorräte müssen regelmäßig auf ihre Vollständigkeit hin untersucht werden und es muss sich an den Gedanken gewöhnt werden, dass abgesehen vom Diabetologen auch niemand mehr einen kritischen Blick auf die Finger wirft ...

Der erste Tag an der Uni

Wenn das Organisatorische dann irgendwann einmal soweit erledigt ist, kommt der erste Tag an der Uni. Während sich bei vielen Anderen wohl alles um das perfekte Outfit und die Frage nach dem richtigen Raum stellt, überlegte ich, wie ich oben gesagtes, Aufregung und Diabetes bloß unter einen Hut bekommen sollte. Als wäre die Outfit-Frage alleine nicht schon genug ...

Sagte ich eben, dass niemand einen kontrollierenden Blick auf die Finger wirft?! Das stimmt wohl nur bedingt und solange, bis man am ersten Uni-Tag seinen Blutzucker öffentlich misst und damit plötzlich die ersten neugierigen Blicke auf sich zieht. In der Grundschule gab es damals dasselbe Phänomen, wenn ein Mitschüler eine Packung Kaugummis dabei hatte und die Packung beim öffnen raschelte. Innerhalb weniger Sekunden hatte er die Aufmerksamkeit der gesamten Klasse. Ich jedenfalls fühlte mich an meinem ersten Uni-Tag genau wie besagter Grundschüler.

Es dauerte natürlich nicht lange bis die ersten Fragen und Kommentare kamen. „Hast du Zucker? Ist 201 gut? Tut das nicht weh?“ In solchen Situationen nehme ich mir Zeit und versuche jede Frage zu beantworten. Nicht zuletzt der Gedanke, dass ich vermutlich genau so neugierig schauen würde, wenn ich nicht selber seit mehr als 15 Jahren mit fehlender Insulinproduktion gesegnet wäre, hilft mir dabei.

Alleine in einer neuen Umgebung heißt für Diabetiker auch, dass nicht jeder Bescheid weiß, wie in einem Notfall zu verfahren ist. Deswegen können Momente wie diese auch hervorragend dazu genutzt werden, über eine solche Situation aufzuklären. Das hilft mir, falls es einmal soweit kommen sollte, und beruhigt zudem auch die Kommilitonen, wenn sie wissen, wie sie sich im Fall der Fälle verhalten sollen.

„Die beste Zeit überhaupt!“

Wer heute seine Verwandten fragt, bekommt vermutlich von vielen Seiten das Selbe zu hören.

„Studieren? Genieß die Zeit. Es ist die beste Zeit überhaupt!“

Und ja, es stimmt. Nach mittlerweile fast 6 Semestern, genieße ich noch fast jede Minute des Studentendaseins. Das lässt sich so jetzt sicher nicht unbedingt auf die schwierigen und Nerven raubenden Prüfungsphasen übertragen, aber alles in allem erfreue ich mich sehr an den Freiheiten, die das Studium bietet. Leider aber scheint sich der Diabetes, auch wenn der Bachelor (hoffentlich) bald geschafft ist, immer noch nicht an das neue Leben gewöhnt zu haben. Prüfungsphasen, Stress, lange Semesterferien und zwischenzeitlich auch arbeiten, lassen die Blutzuckerwerte regelmäßig Achterbahn fahren. Kein Tag im Leben eines Studenten gleicht dem Anderem! Aber das ist ja nicht nur beim Studium so. Egal was man macht, ob privat oder beruflich, das Leben wartet immer wieder mit neuen Herausforderungen und Chancen. Diabetes und der ggf. unregelmäßige Alltag müssen sich arrangieren.

Zu guter Letzt ...

… scheint die Prüfung auch noch so unlösbar, der Blutzucker noch so zickig und der Chef auf der Arbeit auch noch so doof, ist „Zuhause“ meist nur einen Anruf entfernt. Egal, wie weit der Studienort auch weg ist, Familie, Freunde und ja, selbst der Diabetologe haben auch auf diesem Lebensschritt immer ein offenes Ohr. Und bevor es jetzt zu kitschig wird, gebe ich jedem Studenten und denen, die es noch werden wollen, den folgenden Tipp mit auf dem Weg: Kalkuliert etwaige Kosten für Rezepte und sonstigen Diabetes-Schnick-Schnack schon am Anfang des Monats gut mit ein. Denn am Ende des Geldes ist ja bekanntlich und insbesondere bei Studenten immer wieder besonders viel Monat übrig.