Im Gespräch mit Dr. Jörg Simon über die wichtigsten Stellschrauben nach der Diagnose Diabetes

„Kleine Schritte können viel verändern“

Die Diagnose Typ-2-Diabetes ist für die meisten Menschen mit Ängsten und Unsicherheiten verbunden. Sie befürchten einen Verlust an Freiheit und Einschränkungen im Alltag. Doch das muss nicht sein: Wir haben mit dem Facharzt für Innere Medizin und Diabetologie Dr. Jörg Simon über den richtigen Umgang mit der Diagnose und den Weg zu mehr Lebensqualität gesprochen.

Im Gespräch mit Dr. Jörg Simon über Diagnose Diabetes
Dr. Jörg Simon sieht in Typ-2-Diabetes und einem hohen Maß an Lebensqualität keinen Widerspruch.

Was raten Sie Menschen, die erstmals mit der Diagnose Typ-2-Diabetes konfrontiert werden?

Nach der Diagnose ist vor allem eines wichtig: Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. Dem Patienten muss klar werden, dass er eine chronische Krankheit hat, die behandelt werden muss und er dabei nicht allein gelassen wird. Besonders gut sind hierfür Schwerpunktpraxen geeignet. Dort erhält der Patient von Anfang an Kontakt zu einer Schulungskraft oder Diabetesberaterin, bekommt praktische Tipps für seinen Alltag und wird – und das ist das Entscheidende – so bald wie möglich zu einer Patientenschulung angemeldet. Deutschland ist auf diesem Gebiet sehr privilegiert: Für fast alle chronischen Erkrankungen gibt es heute Schulungsprogramme, für die alle Krankenkassen die Kosten tragen.

Ahnen die meisten Patienten, dass ihre Symptome ein Hinweis auf Diabetes sein können oder kommt die Diagnose für viele überraschend?

Da gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Männer werden in der Tat des Öfteren von der Diagnose überrascht. Frauen sind im Durchschnitt gesundheitsbewusster, gehen körperlichen Symptomen wie Abgeschlagenheit, schlechter Wundheilung oder häufigem Harndrang viel schneller auf den Grund und nehmen öfters an Vorsorgeuntersuchungen teil. Es gibt eine Reihe von kostenlosen Angeboten wie dem Check-up 35, bei dem alle zwei Jahre unter anderem Blutzucker, Gesamtcholesterin und weitere Risikofaktoren untersucht werden, die auf eine Diabetes-Erkrankung hinweisen. Regelmäßige Untersuchungen sind gerade für diejenigen wichtig, in deren Familie schon Typ-2-Diabetes vorgekommen ist. Wenn diese Menschen ungesund leben – also sich beispielsweise wenig bewegen, einseitig ernähren oder übergewichtig sind – ist ihr Risiko, ebenso Typ-2 Diabetes zu entwickeln, bei 50%. Bei Risikopatienten führen wir daher deutlich häufiger einen Zuckerbelastungstest durch, um eine mögliche Diabetes-Erkrankung so früh wie möglich zu erkennen.

Nach dem Erstgespräch mit dem Arzt folgt ein spezielles Training in einem der Schulungszentren. Was sollten die Patienten ändern, wenn sie wieder in ihren Alltag zurückkehren?

Am Wichtigsten ist, dass der Patient dazu bereit ist, seinen Lebensstil zu ändern. Die entscheidenden Stellschrauben sind heute kein Geheimnis mehr: eine kalorienreduzierte, ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung. Ideal ist eine Einheit Krafttraining und drei Einheiten Ausdauersport pro Woche. Insbesondere das Ausdauertraining lässt sich beispielsweise mit einem Spaziergang oder dem Gassi gehen mit dem Hund einfach in den Alltag integrieren. Und auch gesunde Ernährung und Freude am Essen schließen sich nicht aus: Die mediterrane Küche ist beispielsweise ideal für Menschen mit Diabetes und alles andere als langweilig. Außerdem gibt es wertvolle Angebote wie Reha-Sport, Ernährungsberatung oder weiterführende Diabetikerschulungen. Gemeinsam mit dem Patienten finden wir heraus, welche Maßnahmen zu ihm passen und ihn zusätzlich unterstützen. Ganz wesentlich ist auch, dass Raucher an speziellen Entwöhnungsprogrammen teilnehmen. Alleine wenn das Rauchen aufgegeben wird, reduzieren sich das Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko um 50%.

Welche Rolle spielt aus Ihrer Erfahrung das persönliche und familiäre Umfeld?

Das Umfeld ist sehr wichtig: Gerade Männer tun sich manchmal schwer damit, unsere Empfehlungen im Alltag umzusetzen. Ich habe in meiner Praxis die Erfahrung gemacht, dass es hilfreich sein kann, die Partnerin oder einen nahestehenden Verwandten zum nächsten Termin in die Praxis mit einzuladen – gerade wenn es um das Thema Essverhalten geht. Das Entscheidende ist nicht nur, praktische Tipps für eine gesunde Ernährung zu teilen, sondern dem Patienten auch konkrete Hilfestellungen für den Alltag mit an die Hand zu geben. Wir erklären ihm beispielsweise, welche Lebensmittel er in der Kantine durch gesündere Alternativen ersetzen kann und helfen ihm dadurch, sein Ernährungsverhalten Schritt für Schritt zu ändern. Es geht dabei immer darum, sich erreichbare Ziele zu setzen – gerade die kleinen Erfolgserlebnisse motivieren enorm.

Wie kann man Patienten dabei helfen, die Krankheit anzunehmen?

Selbsthilfegruppen können sehr hilfreich sein. Dort können Betroffene Tipps austauschen, sich zum gemeinsamen Sport treffen und sich aktiv weiterbilden. Auch das persönliche Umfeld ist ein wichtiger Pfeiler für die Betroffenen – unabhängig davon, ob man vom Lebenspartner oder dem Kollegen im Büro Unterstützung erhält. Generell spielt bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes die Psyche eine große Rolle. Wenn Patienten mit Depressionen zu kämpfen haben, kann mit einer ambulanten Psychotherapie geholfen werden. Gerade für Betroffene, die an einer Diabetes-Akzeptanzstörung leiden, ist diese Behandlung extrem wichtig. Nur wer die Krankheit akzeptiert, wird bereit sein, alte Gewohnheiten abzulegen und ein gesünderes Leben zu führen.

Haben Sie Tipps, wie sich die Lebensqualität mit Diabetes Typ-2 verbessern lässt?

Auch Diabetiker können heute ein hohes Maß an Lebensqualität genießen. Neben dem Rauchen gibt es keine strengen Verbote mehr – mit einer Ausnahme: sich zu betrinken. Für Diabetiker ist es lebenswichtig, körpereigene Warnsignale wie z.B. eine verlangsamte Reaktion, Muskelzittern, Koordinations- oder Sprachstörungen wahrzunehmen, die auch auf eine Unterzuckerung hinweisen können. Ansonsten gilt aber: Wenn der Patient Lust auf Schokolade hat, dann soll er diese ganz bewusst genießen und das Mehr an Kalorien lieber an anderer Stelle wieder einsparen. Und was generell gesund ist, gilt auch für Diabetiker: regelmäßige Bewegung, Alkoholgenuss in Maßen und viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukte. Eine gesunde Ernährung muss nicht Verzicht bedeuten – schon gar nicht an Lebensqualität.