Diabetes Riding Camp – Gespräch mit Kinderdiabetologe Dr. Karl Florian Schettler

… Auf dem Rücken der Pferde

Diabetes und Pferde – wie kommt das zusammen? Im Diabetes Riding Camp, einer Reit-Freizeit speziell für Kinder und Jugendliche mit Diabetes! Seit fünf Jahren organisiert der Kinderdiabetologe Dr. Karl Florian Schettler ehrenamtlich das einwöchige Camp. Im Interview erzählt er uns, was ihn dazu bewegt hat, das Projekt ins Leben zu rufen und wie gerade der Umgang mit Pferden Jugendlichen mit Diabetes in ihrem Alltag weiterhelfen kann. 

Reiten und regelmäßig Blutzuckermessen ergänzen sich im Diabetes Riding Camp für Kinder und Jugendliche
Reiten und regelmäßig Blutzuckermessen – beides kann sich gut ergänzen

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Pferde-Freizeit für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes anzubieten?

Bei meiner täglichen Arbeit im Krankenhaus mit Kindern mit Diabetes sehe ich immer, dass es für Teenager am schwierigsten ist, mit ihrem Diabetes zurechtzukommen – es ist einfach eine komplizierte Zeit. Bei Schulungen im Krankenhaus ist es aber nicht leicht, ihnen bei ihren Problemen zu helfen, da sie sich dort in der Regel nicht besonders wohlfühlen.

Es ist allerdings nachgewiesen, dass es für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen hilfreich ist, wenn sie gemeinsam in einer Gruppe unterwegs sind und sehen, dass sie ja alle Diabetes haben. Das hat psychologisch einen sehr positiven Effekt. Daher kam dann der Gedanke: Lass uns doch einmal eine Freizeit machen für Kinder und Jugendliche mit Diabetes.

Die Pferde kamen dazu, da sie bereits erfolgreich bei der Therapie von verschiedenen Erkrankungen und zur Förderung der Entwicklung eingesetzt werden. Ich habe persönlich in meiner Freizeit viel mit den Tieren zu tun, meine Frau und ich haben selbst Pferde. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass mir die Zeit mit den Pferden für meine persönliche Entwicklung sehr viel gebracht hat. Daher wollten wir das zusammenbringen, um den Schulungseffekt von einer Diabeteswoche in der Gruppe mit der positiven Wirkung der Pferde zu verbinden.

Es werden ja viele Diabetes-Freizeiten und Schulungen für Kinder und Jugendliche angeboten. Was macht die Arbeit mit den Pferden so besonders und erfolgreich?

Die Arbeit mit den Pferden ist grundsätzlich besonders, weil wir mit den Kindern weg sind vom Krankenhaus. Gegenüber anderen Freizeiten hat die Arbeit mit Pferden gleich mehrere Effekte: Zum einen muss man für sein Pferd eine gewisse Verantwortung übernehmen, man muss schauen, dass alles sauber ist, man muss es nach dem Reiten duschen, man muss sich viel um sein Pferd kümmern. Man übernimmt Verantwortung für das Tier und lernt dabei auch, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Darüber hinaus finden die Kommunikation und die Erfahrung mit dem Pferd auf einer sehr interessanten emotionalen Ebene statt. Die Pferde spiegeln die Kinder stark wieder, und die Kinder entdecken am Pferd selbst, wie sie gelaunt sind. Wenn die Kinder schlecht gelaunt sind, dann wird ihr Pferd unter Umständen auch etwas schlechter gelaunt sein. Auf diese Weise wird ihnen klar gezeigt, wie sie mit ihrer Umgebung interagieren. Dadurch lernen die Kinder viel über sich selbst und erkennen es auch besser an, als wenn z. B. ein Erwachsener ihnen sagt: „Hör mal, du bist ja ganz aufgeregt, beruhig dich doch mal.“

Kinderdiabetologe Dr. Karl Florian Schettler verbindet die Diabetes-Therapie von Jugendlichen mit einer Pferde-Freizeit.
Raus aus dem Krankenhaus, rein in den Sattel: Kinderdiabetologe Dr. Karl Florian Schettler

Sie haben als Kinderdiabetologe ja bereits viel zu tun: Was ist Ihre Motivation, zusätzlich noch das Camp zweimal jährlich anzubieten?

Meine Motivation ist ganz klar: Ich rechne meinen Patienten extrem hoch an, was sie mit ihrem Diabetes in ihren jungen Jahren schon leisten müssen und was von ihnen gefordert wird. Ich weiß selbst nicht, ob ich dazu bereit gewesen wäre. Ich sehe es tagtäglich, wie schwierig das im Teenageralter ist. Das sind die ganz alltäglichen Probleme, die jeder Teenager hat, allerdings kann es bei Jugendlichen mit Diabetes auch gleich in gesundheitliche Probleme ausufern. Daher kam der Wille, rauszugehen aus der Krankenhausumgebung, aus dieser oft gestellten Situation. In der Ambulanz öffnen sich die Kinder nicht so gerne und man kommt oft gar nicht richtig an sie heran. Somit war mir klar, dass ich etwas anders machen möchte, um ihnen besser helfen zu können. 

Fällt Ihnen ein Kind ein, das ganz besonders von einem Riding-Camp profitiert hat?

Ja, mir fallen einige ein, die davon profitiert haben. Wir haben das auch nachuntersucht mit den HbA1c-Werten. Die Kinder, die vorher besonders schlecht eingestellt waren, waren danach deutlich besser. Die, die sehr scharf eingestellt waren und einen fast zu perfekten HbA1c-Wert hatten, waren nach dem Camp eher schlechter, weil wir die aus ihrer absolut perfekten, gesteuerten Blase etwas herausgeholt und eine Woche mal normalen Teenager-Alltag gelebt haben.

Wir hatten eine Teilnehmerin im zweiten Jahr, bei der wir vorher alles versucht hatten: Stationär bei uns aufgenommen zur Schulung, immer wieder in der Ambulanz zu Schulungen. Sie hatte immer noch einen HbA1c-Wert von 9 und überhaupt keine Lust mehr auf ihren Diabetes. Dann war sie mit im Riding Camp und hat selbst gesagt: „Das war wie ein Neustart mit dem Diabetes.“ Durch diese eine Woche hat sie sich anschließend intensiv um ihren Diabetes gekümmert und hatte auch sehr gute Werte. Was wir also vorher über fast ein Jahr hinweg mit allen möglichen Maßnahmen nicht geschafft haben, konnte durch das Riding Camp als eine Art Initialzündung behoben werden. Für dieses Mädchen hat das Camp wirklich einen Unterschied gemacht.

Die Riding Camps sind sehr beliebt und immer früh ausgebucht – was planen Sie für die Zukunft?

Das ist unser großes Problem, dass wir so schnell ausgebucht sind. Wir veranstalten in Kooperation mit der Deutschen Diabeteshilfe e. V. derzeit zwei Camps pro Jahr. In diesem Jahr war das erste Camp nach 24, das zweite nach 48 Stunden ausgebucht, obwohl wir die Anmeldezeiträume vorher nicht bekannt geben, um annähernde Chancengleichheit zu bewahren. In der Regel bekommen wir vier bis fünf Mal so viele Anmeldungen wie wir Plätze haben. Der Bedarf ist also riesig. Wir würden es auch gerne für jüngere Jahrgänge anbieten können und nicht nur für Jugendliche im Alter von 12 bis 16. Da wir uns hauptsächlich über Spenden finanzieren, ist es uns derzeit aber leider nicht möglich, mehr Camps anzubieten.

Mit Diabetes in der Pubertät – keine leichte Sache. Haben Sie einen Rat, den Sie Teenagern und ihren Eltern gerne mit auf den Weg geben würden?

Wenn ich den universellen Rat kennen würde, dann wäre meine Arbeit in der Ambulanz deutlich leichter (lacht). Ich habe einen ersten Rat, den ich vor allem den Eltern immer gebe, und den ich auch selbst versuche umzusetzen: Es bringt niemals etwas, Kindern in diesem Alter von oben herab etwas aufzuzwingen. Man sollte vor allem Vertrauen aufbauen und nicht sofort bei den kleinsten Verfehlungen schimpfen. Außerdem: Setzen Sie realistische Ziele. Wenn man ein Ziel setzt, das die Kinder gar nicht erreichen können, wird nur Frust aufgebaut. Und das ist extrem gefährlich bei Teenagern. Im schlimmsten Fall schalten sie dann einfach ab und sagen sich: „Wenn es nicht funktioniert, mache ich halt gar nichts mehr.“ Man muss versuchen, eine gemeinsame Basis zu finden, auf der man mit den Teenagern zusammenarbeitet.