Neverlandraver weiß sehr gut über Diabetes Bescheid. Doch groß ist die Kluft zwischen Theorie und Praxis

Akzeptanz oder Ketoazidose (Teil 1)

Diabetes: Akzeptanz oder Ketoazidose
Jahrelang hielt Neverlandraver ihren Diabetes hinter verschlossenen Türen. Nun sucht sie einen Ausweg.

Ich, 25 Jahre jung, erzähle Euch jetzt etwas über mein Leben mit dem Diabetes.

Mittlerweile leide ich seit Februar 2000 unter dieser Stoffwechselerkrankung. Richtig gelesen – ich leide. Meine Wortwahl ist gut durchdacht.

Schon im jungen Alter wurde ich auf die Thematik, die Handhabung sowie Berechnungen, die Risiken und Spätfolgen des Diabetes wiederholt, intensiv und ausgiebig von sehr kompetenten Pflegekräften geschult. Schulungen wurden immer wieder aufgefrischt und mein Wissen über die Erkrankung in unregelmäßigen Abständen auf Aktualität und Sachkenntnisse abgefragt/geprüft. Was dies anbelangt, galt ich unter Diabetikern (DIA’s) als Nerd. Habe mein Umfeld mit meinen theoretischen Kompetenzen immer beeindrucken können.

Doch, liebe Leser ... Wissen ist nicht alles.

17 Jahre kämpfe ich mittlerweile um das Überleben. Und in den letzten 7–8 Jahren wurde es schlimmer.

Den Diabetes in meinen Alltag zu integrieren fällt mir unglaublich schwer – ich schäme mich für diese Krankheit. Eine Krankheit, mit der es sich doch aber so leicht leben lassen kann. ☝

Ich habe meinem privaten Umfeld jahrelang verheimlicht, welches Laster ich mit mir trage. Tu mich heute glücklicherweise nicht mehr allzu schwer es preiszugeben. Dort hinzugelangen kostete mich allerdings jahrelang große Überwindung und Kraft.

Mein HBA1C liegt momentan bei 10,3 – das seh’ ich als gut. Spritzen und Blutzuckermessungen vor anderen Menschen ist mir unglaublich unangenehm. Unerträglich, würde ich schon meinen.

Bereits in der Pubertät mied ich es also, den Blutzucker zu kontrollieren und bei erhöhten Werten oder beim Essen Insulin zu spritzen. Unterwegs nahm ich über Jahre hinweg die Option wahr, wenn möglich eine Toilette dafür aufzusuchen. Aber das Aufsuchen des stillen Örtchens sowie permanentes Denken an diesen Alptraum sollte mein Leben – meine Freizeit – nicht bestimmen und wurde inkonsequent meinerseits gehalten.

Der Diabetes wird extrem von mir verdrängt. Nach Jahren wissen DIA’s meist, wie der Körper bei Hyper und Hypo reagiert, und glauben, sich so das Blutzuckermessen ersparen zu können. Erkennt ihr Euch? Auch ich!

Willig und zielstrebig wollte ich die Behinderung verdrängen, doch das Aufsuchen des WCs erinnerte mich immer wieder an das Versagen meiner Bauchspeicheldrüse. Also vernachlässigte ich die Insulinzufuhr für meinen Körper und lebte mein Leben, wie es auch andere taten.

Leider nicht ohne Folgen, immer wieder werde ich mit Ketoazidosen in Krankenhäuser eingeliefert, komme zur Regenerierung auf die Intensivstation und entlasse mich von der normalen Station selbst. Teilweise 2–4 Mal jährlich.

Über die Jahre habe ich mich an den oben besagten Umgang mit dem Diabetes gewöhnt und schaffe es nicht mehr, alleine aus diesem – von mir erzwungenen und aufgebauten – diabetesinakzeptablen Alltag herauszukommen.