Diabetologe Dr. Scheper über die Zukunft der Diabetes-Praxen

Mehr Nachwuchs gefragt!

Die Zahl der Diabetes Diagnosen wächst, die Praxen mit dem Schwerpunkt Diabetologie werden weniger. Dr. med. Nikolaus Scheper im Gespräch mit #meinbuntesleben über die Gründe – und wie das zu verhindern ist.

Diabetes Beruf: Zu wenig Diabetologen?
Der Mit-Autor der "Düsseldorfer Resolution 2025" Dr. med. Nikolaus Scheper setzt sich für mehr Nachwuchsförderung im Bereich Diabetologie ein.

Herr Dr. Scheper, insgesamt wird die Zukunft der Diabetologie häufig düster gezeichnet. Müssen Menschen mit Diabetes Angst haben, künftig keinen Diabetologen mehr zu finden?

Ja, das könnte in nicht allzu ferner Zukunft passieren. In den nächsten Jahren werden viele Praxen mit dem Schwerpunkt Diabetologie aus Altersgründen schließen müssen –  und ausreichend Nachwuchs ist nicht in Sicht.

Was kann man tun, damit die Menschen mit Stoffwechselstörungen auch in Zukunft gut versorgt werden?

Dieses Problem treibt mich schon seit einiger Zeit um. Daher habe ich mich mit einigen Kollegen und Kolleginnen aus dem Umfeld des winDiab, dem wissenschaftlichen Institut der niedergelassenen Diabetologen Deutschlands, zusammengesetzt und einmal aufgelistet, welche Maßnahmen erforderlich sind, um die Weichen für die Diabetologie richtig zu stellen. Diese Ziele haben wir in der „Düsseldorfer Resolution 2025“ festgehalten. Mittlerweile konnten wir die führenden Diabetes-Organisationen wie die Patientenverbände, die Deutsche Diabetes Gesellschaft sowie den Bundesverband der niedergelassenen Diabetologen dazu bringen, an der Umsetzung mitzuarbeiten.

Sie haben den drohenden Mangel an Diabetologen angesprochen. Was halten Sie in Sachen Nachwuchsförderung für erforderlich?

Junge Mediziner müssen zunächst auf das Fach aufmerksam gemacht werden. Trotz der wachsenden Patientenzahlen wird im Studium nur wenig Diabetologie gelehrt. Die angehenden Ärzte hören kaum vom Krankheitsbild  Diabetes – also ist es unwahrscheinlich, dass sie dieses Fach als Berufsziel wählen.

Wieso wird Ihrer Meinung nach in der Ausbildung so wenig Wert auf die Diabetologie gelegt?

Das ist quasi der Fluch der guten Tat. Diabetes war bis noch vor wenigen Jahrzehnten eine Erkrankung, die in der Klinik behandelt wurde. Menschen mit Diabetes wurden dort unter Bedingungen, die nicht dem Alltag entsprechen, „eingestellt“. Im Lauf der Jahre stellte sich heraus, dass die Behandlung in den diabetologischen Schwerpunktpraxen deutlich  alltagstauglicher ist. Ein niedergelassener Diabetologe kennt die Alltagsbedingungen und Bedürfnisse seiner Patienten besser und kann seine Behandlung entsprechend anpassen. Den Diabetes-Kliniken wurde so die Klientel entzogen, viele machten dicht. Das trifft auch die Universitätskliniken. Dort werden die Betten gestrichen. Da sich aber der Stellenschlüssel – und damit die Zahl der Ausbildungsstellen – nach den vorgehaltenen Betten bemisst, gibt es immer weniger Assistentenstellen. Wir Niedergelassenen haben sozusagen die Diabetologie an den Universitäten ausgetrocknet. Die Forderung nach mehr Lehrstühlen und Ausbildungsmöglichkeiten für Diabetologie soll dieses Defizit decken helfen.

Müsste man nicht auch das Fach attraktiver machen?

Ja, sicher. Ein Weg wäre, den Facharzt für Diabetologie einzuführen. Bisher ist Diabetologie nur eine Zusatzbezeichnung innerhalb der Inneren Medizin oder Allgemeinmedizin, ähnlich wie Sportmedizin. Die Schaffung eines regelrechten Facharztes für Diabetologie würde die Attraktivität für dieses Fach deutlich steigern. Dafür wäre es allerdings auch nötig, Ausbildungsplätze nicht nur in den Universitäten, sondern auch in den Praxen zu schaffen.

Liegt der Nachwuchsmangel nicht möglicherweise auch daran, dass es für den Arzt nur wenige Erfolgserlebnisse gibt? Schließlich heilt ein Diabetologe nicht, sondern lindert nur die Folgen des Diabetes.

Bei den heutigen Volkskrankheiten kann man meist nur lindern, selten heilen. Das ist in der Diabetologie nicht anders. Die Erfolgserlebnisse sind andere: Für mich ist es beispielsweise ein schönes Gefühl, wenn ich einen Patienten mit diabetischem Fußulkus zusammen mit dem Neurologen, einem guten Wundmanagement und dem orthopädischen Schuhmacher dazu bringen kann, wieder zu laufen. Er kann dann seinen Alltag allein bewältigen und am sozialen Leben teilnehmen, zum Beispiel zum Stammtisch gehen – ein enormer Zuwachs an Lebensqualität. 

Welche Rolle spielen die neuen technischen Möglichkeiten Ihrer Meinung nach künftig für die Menschen mit Diabetes?

Gerade in Anbetracht des Diabetologenmangels kommt man an der der digitalen Technik nicht vorbei. Schon heute erleichtern am PC auslesbare Blutzuckermessgeräte das Diabetologen-Leben. Der Online-Zugriff auf Daten könnte den  fachlichen Austausch verbessern. Denn um Diabetiker möglichst umfassend betreuen zu können, gehört ein umfangreiches Netzwerk zu einer diabetologischen Praxis. Kliniken, Fachärzte wie Augenärzte, Kardiologen oder Gefäßspezialisten, aber auch nicht-ärztliche Berufe wie Physiotherapeuten, Fußpfleger oder orthopädische Schuhmacher – alle müssen miteinander schnell und einfach kommunizieren können.