So erlebte Anna-Sophia ihr Diabetes Riding Camp

Reiten, reden und Blutzuckermessen

Ein Tag im Diabetes Riding Camp: Mehr dazu erfahren Sie im zweiten Teil unseres Interviews mit dem Gründer des Projekts, Kinderdiabetologe Dr. Karl Florian Schettler. Anna-Sophia ist 13 Jahre alt, hat seit Januar 2016 Typ-1-Diabetes und vor kurzem am Diabetes Riding Camp teilgenommen. Hier erzählt sie, wie es ihr gefallen und inwiefern die Freizeit ihren Alltag mit dem Diabetes verändert hat.

Anna-Sophia hat tolle Erfahrungen im Diabetes Riding Camp gemacht
Für Anna-Sophia war das Diabetes Riding Camp in jeder Hinsicht eine tolle Erfahrung

Anna-Sophia, Du kommst gerade aus dem Diabetes Riding Camp, wie war es?

Ich fand es sehr schön, ich habe mal andere Kinder mit Diabetes kennengelernt und konnte mir bei denen auch abschauen, wie sie mit ihrem Diabetes umgehen. Wir haben viel unternommen und da ich seit neun Jahren reite, war es natürlich toll, jeden Tag Zeit mit den Pferden zu verbringen.

Wie bist Du darauf gekommen, am Diabetes Riding Camp teilzunehmen?

Ich war bei meiner Erstmanifestation im Kinderkrankenhaus und habe alle zwei Tage gefragt, wann ich denn heim kann, weil ich unbedingt zu meinem Pflegepferd wollte. Irgendwann hat Schwester Sabine dann zu mir gesagt: „Du reitest ja, und wir veranstalten ein Riding Camp, vielleicht möchtest du da ja mitmachen.“ Danach haben mir das noch andere Kinder in der Schulung empfohlen, und daraufhin habe ich mich angemeldet.

Dr. Schettler, wie sieht denn so ein Tag im Riding-Camp für die Teilnehmer aus?

Um 8 gibt es ein gemeinsames Frühstück. Wer möchte, kann davor noch in den Stall gehen, beim Misten helfen, kehren, all die Morgenarbeit rund ums Pferd. Beim Frühstück sitzen wir alle zusammen, messen Blutzucker, rechnen aus, wie viel Kohlenhydrate wir essen und wie viel Insulin wir dafür abgeben müssen. Dann ziehen sich die Kinder um und die Vormittagsreitstunde fängt an. Bis die mit Putzen vorher und Putzen nachher fertig ist, ist schon wieder Zeit fürs Mittagessen. Mittagessen läuft wieder gleich ab, wir messen den Blutzucker, berechnen die Kohlenhydrate und geben Insulin ab. Dann folgt nochmal eine Reitstunde, also zwei Reitstunden am Tag.

Und wie ist das abends?

Dr. Schettler: Die Abende gestalten wir immer anders. Wir bemühen uns da, Abwechslung reinzubringen, um auch das normale Teenagerleben zu simulieren. Das bedeutet, dass wir mal nach dem Abendessen ins Kino gehen, wo es dann z. B. auch Popcorn oder Nachos gibt. Wir gehen Pizza essen, wir machen einmal Lagerfeuer mit Stockbrot, ganz unterschiedlich.

Anna-Sophia: Die Abende waren mein Highlight. Vor dem Schlafengehen waren wir zusammen in den Zimmern und haben Musik gehört und Spiele gespielt, das war immer sehr schön.

Dr. Schettler: Abends passiert es dann meistens auch, dass wir uns über Themen rund um Diabetes unterhalten. Das kommt da ganz ungezwungen zur Sprache und dann fangen die Kids auch selbst an, untereinander zu diskutieren. Da reden wir dann über Dinge wie: Wie hast du die Erstmanifestation erlebt, wie war es für dich, als du danach das erste Mal in die Schule gegangen bist, wie haben deine Freunde reagiert? Bis hin zur Frage von einzelnen Kindern: Wenn ich denn jetzt mal Alkohol trinken würde, was soll ich denn da machen? Das sind ja auch schon Teenager. Da kommen viele Fragen, die das praktische Leben der Kids betreffen, von ganz alleine auf, und das in einer sehr ungezwungenen Atmosphäre, in der wir uns offen unterhalten können.

Reiten und offener Umgang mit Diabetes im Diabetes Riding Camp für Kinder und Jugendliche
Reiten, Pferde pflegen und offener Umgang mit Diabetes machen das Camp aus

Anna-Sophia: Die Atmosphäre hat mir am besten im Camp gefallen. Dr. Schettler war zwar als Arzt mit dabei und auch zwei Krankenschwestern, aber es war eben nicht wie im Krankenhaus. Im Vergleich zu normalen Schulungen war der Umgang entspannter und offener. Im Krankenhaus ist es oft so, dass man sich nicht traut, etwas zu sagen. Es könnte ja falsch sein. Im Camp haben wir auch mal Vermutungen angestellt, das war nicht so schlimm, wenn es dann nicht gestimmt hat. Außerdem gab es nicht diesen strikten Zeitplan, den wir unbedingt einhalten mussten. Es gab zwar feste Essenszeiten und Zeiten für die Reitstunden, aber zwischendrin hatten wir auch Zeit für uns und konnten zum Beispiel mit den Pferden spazieren gehen. Es gab einfach dieses Gefühl: Du musst nichts machen und es muss auch nichts perfekt sein, du kannst auch einfach mal für dich sein.

Inwiefern helfen Dir die Erfahrungen aus dem Camp in Deinem Alltag mit Diabetes weiter? Was hast Du im Camp gelernt?

Anna-Sophia: Ich habe vorher schon relativ gut gemerkt, wenn ich Über- oder Unterzucker habe. Jetzt haben wir im Camp aber nochmal genauer gelernt, auf welche Anzeichen wir achten müssen. Zum Beispiel, wenn ich schlecht gelaunt bin, messe ich jetzt einfach mal. Auch das erste, was ich morgens mache, ist Messen. Vorher habe ich das nicht gemacht, aber nach dieser Woche war das für uns alle ganz normal und ist bei mir jetzt so drin.

Dr. Schettler: Selbst die, die es vorher gehasst haben zu messen, waren immer dabei. Wenn es jeder in der Gruppe macht, machen auch wirklich alle mit.

Anna-Sophia: Außerdem hatte ich vorher beim Reiten immer das Problem, dass ich zu niedrig war, damit kann ich nach den Erfahrungen im Camp jetzt auch besser umgehen.

Dr. Schettler, wie funktioniert das Zusammensein unter den Teilnehmern?

Dr. Schettler: Wenn wir Schulungen in der Klinik haben, gibt es manchmal auch Schwierigkeiten in der Gruppe, dass manche Kinder nicht gut miteinander zurechtkommen. Interessanterweise haben wir das in all den Jahren des Riding Camps noch nicht gehabt. Selbst wenn Kinder dabei waren, die eher still und nicht besonders sozial aufgeschlossen sind, werden sie von den anderen mitgenommen. Da wird keiner ausgeschlossen und es war immer eine tolle Gruppe. Dass sie zusammen weg sind und auch gemeinsam so viele Erfolgserlebnisse haben, das tut ihnen anscheinend gut.

Anna-Sophia: Ich wollte letztes Jahr auch von selbst in die Schulung, weil ich das Gefühl hatte, das ich nie andere treffe, die auch Diabetes haben. Ich habe mich da wirklich sehr alleine gefühlt. Im Camp war es so schön, die anderen kennenzulernen, und wir haben auch wirklich gute Freundschaften geschlossen.

Anna-Sophia, was würdest Du anderen Kindern und Jugendlichen sagen, die überlegen, am Diabetes Riding Camp teilzunehmen?

Dass sie sich auf jeden Fall anmelden sollen, weil man andere mit Diabetes trifft und sich bei ihnen auch wirklich abschauen kann, wie sie mit ihrem Diabetes umgehen. Es ist einfach eine tolle Erfahrung.