Im Gespräch mit Dr. Jörg Simon über Bewährtes und Neues in der Diabetestherapie

„Das Heft selbst in die Hand nehmen“

Die klassische Blutzuckermessung nimmt nach wie vor eine wichtige Säule in der Diabetestherapie ein. Was beim Blutzuckermessen zu beachten ist und wie neue Therapiekonzepte den Alltag mit Diabetes erleichtern können, erklärt der Facharzt für Innere Medizin und Diabetologie Dr. Jörg Simon.

Bewährtes und Neues in der Diabetestherapie
Dr. Jörg Simons Wunsch für Menschen mit Diabetes: Schuldgefühle loswerden und diese in positive Energie umwandeln

Die regelmäßige Blutzuckermessung ist das A und O der Diabetes-Therapie. Doch wie messe ich eigentlich richtig?

Das kommt ganz auf die spezielle Diabetestherapie an, bei der wir drei große Gruppen unterscheiden: Patienten, die kein Insulin zuführen müssen, Patienten, die ein- bis zweimal am Tag Insulin spritzen und Patienten, die eine sogenannte intensivierte Insulintherapie machen.

Bei Patienten, die kein Insulin spritzen, werden die Blutzuckerteststreifen in der Regel nicht von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Daher empfehle ich ein rollierendes Testverfahren. Dabei misst der Patient beispielsweise in der ersten Woche am Montag vor dem Frühstück, in der zweiten Woche am Mittwoch vor dem Mittagessen und in der dritten Woche am Freitag vor dem Abendessen. So erhält er einen guten Überblick über seine Stoffwechsellage.

Die zweite große Gruppe spritzt einmal täglich ein Basalinsulin oder zweimal am Tag Mischinsulin und misst jeweils nüchtern bzw. vor der Injektion die Blutzuckerwerte. Nach Absprache mit dem Patienten, für den das Messen ja auch mit Schmerzen und Aufwand verbunden ist, kann die Messfrequenz noch etwas reduziert werden. Ältere Menschen haben beispielsweise einen sehr konstanten Lebenswandel – hier ist das besonders gut möglich.

Die dritte Patientengruppe macht eine sogenannte intensivierte Insulintherapie, bei der mindestens viermal pro Tag vor den Hauptmahlzeiten und vor dem Zubettgehen gemessen wird.

Welche Therapie für welchen Patienten am besten geeignet ist, sollte aber natürlich immer individuell entschieden werde – je nachdem wie der Tagesrhythmus und Lebensstil des Patienten aussieht und wie sein Körper auf die therapeutischen Maßnahmen reagiert.

Welche Fehler kommen beim Blutzuckermessen am häufigsten vor?

Auch wenn es natürlich lobenswert ist, wenn Patienten regelmäßig ein Blutzuckertagebuch führen: Hier passieren leider auch die häufigsten Fehler. Es kommt beispielsweise nicht selten vor, dass Patienten über Wochen erhöhte Blutzuckerwerte dokumentieren, ohne uns diese mitzuteilen. In diesem Fall sollte aber unbedingt die Therapie angepasst werden. Hier müssen Patienten noch stärker sensibilisiert werden, und genau deshalb ist die Schulung auch so wertvoll: Dort werden Betroffene dazu ermutigt, ihre Therapie selbst mitzugestalten oder sich bei uns zu melden, wenn ihre Werte sie einmal verunsichern.

Es gibt immer mehr innovative Konzepte für den Umgang mit Diabetes – wie z.B. das personalisierte Diabetesmanagement. Was genau steckt hier dahinter?

Beim personalisierten Diabetesmanagement wird das Blutzuckermessgerät über eine Software mit dem Smartphone oder dem PC verbunden. Die Daten werden automatisch ausgewertet und individuelle Blutzuckerprofile erstellt, wodurch der Patient seine Werte immer im Blick hat und auf Schwankungen reagieren kann. Jeder Patient lernt zu Beginn in einer speziellen Schulung, wie er die Werte richtig analysiert und die Therapie selbstständig anpassen kann – und wird so Experte in eigener Sache. Damit kann der Patient ganz konkret die Qualität seiner eigenen Therapie verbessern und wird sicherer im Umgang mit der Erkrankung. Und auch der Diabetologe profitiert davon: Dank der detaillierten Auswertungen kann der Arzt den Therapieverlauf genau auslesen und den Patienten bestmöglich beraten.

Welche Rolle nimmt das personalisierte Diabetesmanagement heute in der Praxis ein?

Leider lehnen viele Diabetologen immer noch die elektronische Dokumentation der Werte ab und bestehen auf einem Blutzuckertagebuch. Das Problem: Die Tagebücher werden oft nicht konsequent geführt. Mit der elektronischen Dokumentation sieht der Arzt dagegen ganz genau, wann und wie häufig der Patient seine Werte gemessen hat, erkennt eventuelle Schwankungen und kann dem Patienten Verbesserungen in der Therapie ganz konkret aufzeigen. Häufig ist hier auch eine Zusatzdokumentation der zugeführten Kohlenhydrate möglich.

Was kann ein Patient tun, wenn sein Arzt ihn nicht in die Diabetestherapie einbeziehen möchte?

Eine Möglichkeit ist, dass sich der Patient selbst mit der entsprechenden Diabetes Software ausstattet und die Daten bei seinem nächsten Termin mit dem Arzt bespricht. Sollte der Arzt trotzdem nicht darauf eingehen, kann sich der Patient alternativ eine Schwerpunktpraxis suchen, die viel Erfahrung mit dem personalisierten Diabetesmanagement hat. Generell spielt die richtige Arztwahl eine wichtige Rolle: Die Diabetestherapie kann nur dann erfolgreich sein, wenn sich der Patient fachlich und menschlich gut betreut fühlt.

Was ist Ihre persönliche Botschaft an Menschen mit Diabetes?

Ich wünsche mir, dass Menschen mit Diabetes ihre Schuldgefühle loswerden und diese in positive Energie umwandeln, um besser mit ihrer chronischen Krankheit zurechtzukommen. Die Basis für einen eigenverantwortlichen Umgang mit der Krankheit legen die Patienten mit der Schulung – danach gilt es, das Heft selbst in die Hand zu nehmen und damit Lebensqualität zurückzugewinnen.