Barbara Müller über Diabetes und die Psyche

Als erstes: Zuhören

Barbara Müller hat als erfahrene Diabetesberaterin, Ernährungs- und Diätberaterin tagtäglich mit Menschen mit Diabetes zu tun. Ihre Kreativseminare und Fortbildungen sind deutschlandweit bekannt. Im zweiten Teil unseres Interviews haben wir sie zu den Wechselwirkungen zwischen Diabetes und Psyche gefragt.

Diabetes und Psyche: Interview mit Barbara Müller
Diabetes, innere Schweinehunde und mehr: Barbara Müller, Diabetesberaterin, Ernährungs- und Diätberaterin – und Buchautorin

Diabetes, Bewegung und Motivation – Lesen Sie hier den 1. Teil unseres Interviews mit Barbara Müller

Wir wissen heute, dass Diabetes die Betroffenen auch psychisch belastet, was vielfältige Lebensbereiche und somit auch die Diabetestherapie beeinflussen kann. Welche Erfahrungen machen Sie im Alltag?

Diabetes beeinflusst das körperliche und emotionale Wohlbefinden und wirkt sich somit auch auf die Arbeit sowie Freizeitgestaltung aus. Viele Patienten empfinden das regelmäßige Blutzuckermessen oder Insulin spritzen als Verschlechterung ihrer Lebensqualität. Werden diese Sorgen und Ängste nicht ernst genommen, kann dadurch eine Depression entstehen, die eine effektive Behandlung des Diabetes verhindern und daher Folgeschäden oder Komplikationen verursachen kann.

Mit welchen Problemen genau kommen Betroffene zu Ihnen?

Die Probleme sind sehr individuell. Mangelndes Wissen über Diabetes, Ängste vor einer Insulintherapie, Probleme im Umgang mit den Anforderungen der Diabetestherapie, Schwierigkeiten beim Abnehmen und der Ernährungsumstellung, Motivationslosigkeit, aber auch Probleme mit dem Partner. Es gibt beispielsweise Partnerschaften, in denen einer übermächtig ist und den anderen permanent kontrollieren will: Ich hatte einmal ein Ehepaar bei mir in der Schulung, bei dem der Mann durchaus bereit war, sich auf die Anforderungen der Therapie selbstständig einzulassen. Seine Frau allerdings hat ständig interveniert und ihm vorgehalten, was er alles nicht oder nicht mehr machen und essen darf. Sie wollte die tragende Rolle spielen und hat ihren Mann instrumentalisiert. All diese Dinge haben alle mittelbare und unmittelbare Auswirkung auf die Diabetestherapie.

Wie helfen Sie in solchen Situationen?

Es gehört längst mehr dazu als nur die Grundlagen von Diabetes und der Selbstkontrolle zu erklären. Ich lasse meine Patienten erzählen und höre ihnen zu. Mithilfe des sogenannten WHO-5-Fragebogens zum Wohlbefinden kann ich so einzelne Probleme wie leichte depressive Verstimmungen aufdecken und bei Bedarf an einen Psychologen weiter vermitteln.

Wo besteht, aus Ihrer Sicht, noch Verbesserungsbedarf?

Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass bei Menschen mit Diabetes zwar regelmäßig Laborwerte, wie der HbA1C oder Blutdruck bestimmt werden, die Frage nach dem Einfluss des Diabetes auf das Leben und seine psychosoziale Belastung aber seltener gestellt wird. Wir benötigen verbesserte Schulungen, die die psychologische Kompetenz der diabetologischen Praxisteams stärken, und noch mehr Unterstützung im Selbstmanagement. Bisher stehen vielen Praxen leider noch nicht ausreichend psychologische Ressourcen, Weiterbildungen oder Erstattungsmöglichkeiten zur Verfügung.