Lisa erzählt von ihrem Leben mit Hochsensibilität – und davon, wie sich das auf ihren Diabetes auswirkt

„Du bist doch gar nicht so schüchtern!?“

Bloß keine Schwächen zeigen. Meine Hochsensibilität war für mich selbst sehr lange eine Schwäche, auf die ich gerne verzichtet hätte und die ich gerne verschwiegen habe. Mittlerweile nutze ich diese Eigenschaft jedoch als Stärke.

Lisa berichtet über ihre Hochsensibilität

Hochsensibilität (manchmal auch als Hochsensitivität, Überempfindlichkeit oder Hypersensibilität bezeichnet) – das ist keine Krankheit, auch wenn das oft missverstanden wird. Selbst von Betroffenen. In der heutigen Zeit hat man oft das Gefühl, dass man extrovertiert und stark sein muss, um erfolgreich zu sein. Dass ich schüchtern bin habe ich immer relativ schnell kommuniziert und mir damit selbst einen Stempel aufgedrückt. Ich hatte die Hoffnung so auf mehr Verständnis zu stoßen, wenn ich mich mal wieder zurückziehen muss oder mir die Gesprächsthemen ausgehen.

Dass ich tatsächlich gar nicht so schüchtern bin, war mir zwar bewusst, aber ich hatte gerne die Sicherheit mich unter dem Deckmantel meiner Schüchternheit zurückziehen zu können.

Erst in den letzten Jahren habe ich mich mehr mit mir selbst, meiner physischen und psychischen Gesundheit auseinandergesetzt. Mein Diabetes und eine Psychotherapie aufgrund meiner Essstörung haben mir dabei sehr geholfen. Mit vielen Gesprächen und eigener Recherche habe ich nicht nur viel über Hochsensibilität, sondern auch über mich gelernt. So konnte ich am Ende endlich akzeptieren, was es wirklich bedeutet in der heutigen Zeit hochsensibel zu sein.

Lisa unterwegs im Wald

Was ist Hochsensibilität?
Bisher bekommt niemand Hochsensibilität als Diagnose ausgehändigt. Trotzdem sind bis zu 20% aller Menschen hochsensibel.  Meistens erfährt man es durch eine Therapie oder auch durch Bücher und kleine Tests, die jeder selbst machen kann.

Was ist aber Hochsensibilität, wenn es keine Krankheit ist? Es ist eine biologische Eigenart. Wie eine Eigenschaft, ein Wesenszug, den man besitzt – nur dass hier nachweisbar neurologische Faktoren mitspielen. Hochsensible Menschen nehmen deutlich mehr von ihrer Umgebung wahr: Alle Eindrücke, Geräusche, Gerüche und Stimmungen sind für hochsensible Menschen viel intensiver. Das liegt daran, dass die Reize schnell und ungefiltert bei dem Menschen ankommen – anders als bei nicht hochsensiblen Menschen, die eine Art natürlichen Filter besitzen.

Allerdings gibt es verschiedene Arten der Hochsensibilität:

  • Menschen mit einer sensorischen Hochsensibilität nehmen Geräusche, Gerüche und Lichter viel deutlicher wahr und haben starke Verknüpfungen zu Emotionen und Erinnerungen.
  • Ein ausgeprägtes Gespür für Logik und Konstrukte wie „wahr und falsch“ und komplexere Gedankenstrukturen haben Menschen mit einer kognitiven Hochsensibilität. Nicht selten sind diese Menschen sogar hochbegabt.
  • Als drittes unterscheidet man die emotionale Hochsensibilität, bei der die Menschen die Gefühle und Stimmungen der Menschen, die sie umgeben sehr intensiv wahrnehmen und für sich selbst übernehmen. Sie sind also sehr mitfühlend und empathisch

In der Regel können sich aber die verschiedenen Arten der Hochsensibilität vermischen und die Grenzen auch etwas verschwimmen. Die Bandbreite von Erscheinungsformen ist also individuell sehr unterschiedlich.

Das Leben als hochsensible Person
Ich selbst bin emotional hochsensibel. Ich ertrage es nicht, wenn jemand ungerecht behandelt wird. Ist mein Gegenüber nervös, dann bin ich es auch. Sitze ich an einem Tisch mit vielen Menschen und Gefühlen, dann bin ich schnell überfordert. Denn auch ich spüre all diese Gefühle: Nervosität, Freude, Wut, Entspannung.

Klingt anstrengend? Das ist es auch. Das ist der Grund, warum ich es oft nicht lange in einer großen Menschenmenge aushalte. Oder warum ich immer mal wieder Pausen brauche, wenn ich viel zwischenmenschlichen Kontakt habe. Auf der einen Seite nervt es mich manchmal, dass ich in solchen Situationen schneller gestresst bin und Ruhepausen brauche. Auf der anderen Seite habe ich gelernt, mit meiner Hochsensibilität umzugehen. Ich kenne mich und meinen Körper recht gut und weiß, wann ich meine Pausen brauche. Und es ist ja auch nicht alles schlecht. Ist mein Gegenüber gut gelaunt und glücklich, dann bin ich es auch – allgemein bin ich ziemlich leicht zu begeistern und lebe jedes Hobby mit einer wahren Leidenschaft.

Außerdem habe ich auch leichte Züge der sensorischen Hochsensibilität. In meinem Kopf haben jede Zahl und jeder Buchstabe ein Geschlecht und eine Farbe. Das B ist zum Beispiel immer dunkelblau, die Sieben ist immer grün. Bei Musik sehe ich explodierende Farbwelten und jede Farbe steht wiederrum für ein Gefühl. Es passiert also immer eine Menge in meinem Kopf und es ist eigentlich niemals still. Ganz schön anstrengend, aber eben auch bunt und sehr interessant.

Lisa im Bett mit ihrem Laptop

Hochsensibilität und Diabetes
Hat das etwas miteinander zu tun? Nein, überhaupt nicht. Beeinflussen sich die beiden gegenseitig? Ja, auf jeden Fall.

Auf der einen Seite beeinflusst meine Hochsensibilität meine Blutzuckerwerte. Anders als bei anderen Menschen gerät mein Körper durch die schnelle Reizüberflutung oft und schnell in Stresssituationen. Und zwar so stark, dass Stresshormone verstärkt ausgeschüttet werden. Sie sind Gegenspieler von Insulin, wie wir wissen. Das sorgt natürlich dafür, dass mein Blutzucker hin und wieder stark schwankt oder meine Blutzuckerwerte durch die Decke gehen. Ich arbeite dann mit erhöhten Basalraten (wenn ich die Stresssituation schon vorher ausmachen kann) und mit meinem Bolus. Dieser muss nicht selten sogar aufs Dreifache hochgesetzt werden, damit das Insulin gegen die starke Adrenalinausschüttung ankommt.

Durch den Diabetes habe ich gelernt, genauer auf meinen Körper zu hören und ich würde behaupten, dass wir Menschen mit Diabetes viel mehr von unserem Körpergefühl erfahren, als vielleicht andere Menschen. Ich spüre, wenn mein Blutzucker zu hoch oder zu niedrig ist. Ich spüre, ob der Insulinmangel gering oder absolut ist. Bei einem absoluten Insulinmangel (z. B. weil ein Katheter abgeknickt ist) fühlt sich ein Wert von 180 mg/dl ganz anders an, als wenn ich mein Essen falsch berechnet habe und der Blutzucker aufgrund von zu wenig Insulin steigt. Ich merke an meinen Kopfschmerzen, ob meine Beschwerden mit einer Hypo oder einer Hyper zusammenhängen. Ich merke schneller, dass ich einen Infekt ausbrüte als andere. All das hat mich auch gelehrt, bei meiner Hochsensibilität auf meinen Körper und mein Körpergefühl zu hören und zu achten. Ich wurde achtsamer mit mir selbst. Ich versuche nicht mehr auf Biegen und Brechen überall mit dabei zu sein, wenn ich merke, dass ich eigentlich eine kleine Pause nötig hätte.

So oder so bereichert die Hochsensibilität mein Leben, denn ich bekomme viel mit – vor allem von den Menschen, mit denen ich mich umgebe. Meine Gefühle sind immer sehr intensiv, aber auch das sehe ich als absoluten Vorteil. Meine Hochsensibilität ist ein Teil von mir, genau wie mein Diabetes. Beides habe ich mir nicht ausgesucht und beides kann ich nicht mal eben für ein paar Stunden abgeben. Aber das bin ich, mit all meinen Facetten und ich bin froh darüber.