Lisa erzählt, wie sie durch bewussten Insulinmangel Gewicht verlieren wollte

Insulin-Purging: Das gefährliche Spiel mit dem Leben

Wie kommt es zu Insulin-Purging, obwohl man sich mit Diabetes auskennt und auch sonst nicht auf den Kopf gefallen ist? Lisa erzählt eindrucksvolll, welche Mechanismen bei ihr abliefen, bis es fast zu spät war.

Lisa erzählt, wie sie durch bewussten Insulinmangel Gewicht verlieren wollte
Zum Glück hat Lisa Diabulimie und Insulin-Purging mittlerweile hinter sich

Triggerwarnung: Dieser Text beinhaltet Symptomatik und Auswirkungen von Essstörungen und Insulin-Purging. Solltest du aktuell an einer Essstörung erkrankt sein, könnte der nachfolgende Text triggernd wirken.

Als ich vor einiger Zeit anfing offen über meine Probleme mit Diabulimie und Insulin-Purging zu reden, erreichte mich eine empörte Nachricht. Wie könne ich solche Gedanken mit der Öffentlichkeit teilen und andere Menschen auf dumme Gedanken bringen? Mich verunsicherte diese Nachricht, allerdings nur kurzzeitig. Wer die Krankheit Diabetes und seinen eigenen Körper versteht, der kommt ganz alleine auf solche Gedanken – genauso wie ich damals.

Was ist Insulin-Purging?

„Purging“ bedeutet so viel wie weglassen/auslassen und beim Insulin-Purging passiert eben genau das; die Betroffenen lassen das Insulin bewusst weg oder verringern die Menge so sehr, dass sie in eine Ketoazidose, also eine Stoffwechselentgleisung durch den Insulinmangel, schlittern. Warum macht man etwas so gefährliches freiwillig? Um abzunehmen! Es ist tatsächlich genauso schockierend, wie es klingt. Aber Essstörungen und die falsche Wahrnehmung des eigenen Körpers sind psychische Erkrankungen, da kommt man mit logischem Sachverstand nicht weiter.

Fehlt das Insulin, wird die ganze Glukose einfach wieder aus dem Körper geschwemmt und die Fettreserven müssen zur Energiegewinnung des Körpers herhalten. Klingt super, ist aber unheimlich gefährlich. Die Glukose im Blut muss schließlich anders aus dem Körper transportiert werden. Die Nieren leiden stark, denn sie müssen auf Hochtouren arbeiten, der Körper übersäuert und die Glukose verstopft Arterien und verursacht Nervenschäden z.B. in den Beinen und Augen. Man kann in ein diabetisches Koma fallen, dass am Ende auch zum Tod führen kann.

Meine Geschichte

Genau so war es auch bei mir. Ich bin sicherlich nicht dumm oder ungebildet, ich habe mein Abitur gemacht und studiere, aber wenn es um meine eigenen Körperwahrnehmung geht, da schaltet sich mein Verstand aus.

Ich war früher immer schlank und sportlich und alle Welt ließ mich das auch oft genug wissen. Mit der Pubertät änderte sich einiges. Auch mein Gewicht: Ich rebellierte, hörte mit dem Sport auf und nahm zu. Und das nicht zu knapp. Je mehr ich zunahm, desto unzufriedener wurde ich und je unzufriedener ich wurde, desto mehr aß ich. Aus den vielen Komplimenten wurden unschöne Kommentare über meinen Körper.

Irgendwann hatte ich genug. Ich wollte wieder so sein wie früher: Schlank und sportlich. Alles andere in meinem Kopf wurde hintenangestellt. Mein Gewicht war das einzige, das mich noch interessierte. Ich fing an, Sport zu treiben und auf mein Essen zu achten. Aber es passierte wenig und vor allem passierte es nicht schnell genug.

Da fiel mir eine Situation ein, die ich kurz vor meiner Diabetesdiagnose erlebte: Ich war ohnehin zu dünn und versuchte etwas zuzunehmen, aber nichts half. Am nächsten Morgen wog ich wieder weniger. Damals saß ich am Frühstückstisch und weinte, weil ich zunehmen wollte. „Wow, was für ein Luxusproblem“, schoss es mir durch den Kopf. Aber ich könnte genau diese Situation wieder hervorrufen. Damals fehlte mir Insulin, wenn es also wieder fehlen würde, würde ich auch wieder abnehmen.

Die Bombe

Diese Gedanken schlug ein wie eine Bombe und er verdrängte alle anderen Gedanken. Systematisch verringerte ich mein Insulin. Mein Körper gewöhnte sich an die hohen Werte und ich verringerte das Insulin weiter. Ein Teufelskreis. Was am Anfang noch bewusst passierte, wurde zu einem Automatismus.

Irgendwann ging es so schnell, dass ich keine Luft mehr bekam und mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Meine beste Freundin rief den Krankenwagen, ich erlebte alles nur wie durch einen Schleier, die Erinnerung ist getrübt. Ich weiß aber, dass ich selbst nicht erwähnte, dass ich Diabetes habe, das tat meine Freundin. Auf die Frage, ob ich gespritzt hatte verneinte ich: „Mir war so schlecht, ich konnte Nichts essen, also habe ich auch nicht gespritzt.“ Ich kenne mich gut mit Diabetes aus, habe es seit meinem 10ten Lebensjahr und auch mein Bruder und meine Mama haben Typ-1-Diabetes. Dass es mir so furchtbar ging, weil ich einen absoluten Insulinmangel hatte, darauf kam ich in diesem Moment nicht mehr. Heute kann ich nur den Kopf schütteln. Ich wurde damals ohne Bewusstsein auf die Intensivstation gebracht, mit Wasser in meiner Lunge. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie knapp ich davongekommen bin.

Insulin-Puging: das gefährliche Spiel mit dem Leben

Man denkt immer, dass man die Situation unter Kontrolle hat. Man kennt sich ja schließlich aus mit Diabetes und bevor etwas Schlimmes passiert spritzt man einfach etwas Insulin. Das dachte ich damals und musste aufs Schmerzlichste erfahren, dass das eine Illusion war. Man hat rein gar nichts unter Kontrolle. Das Hirn spielt sein Spiel so weit, dass wir nicht merken, wie schlimm es um uns steht. Kontrolle? Man hat vielleicht einiges, aber sicherlich keine Kontrolle, weder über seine Gedanken, noch über das Insulin-Purging. Es entwickelt eine Eigendynamik, die einen in den Bann zieht. Einfach aufhören ist nicht drin!

Aufklärung ist wichtig

Und genau das macht Insulin-Purging zur gefährlichsten Essstörung. Man muss gar nicht abgemagert sein oder das Insulin-Purging lange durchziehen. Wenn man das Insulin weglässt, reichen Tage bis zur lebensbedrohlichen Situation. Es ist nicht so, dass man es Betroffenen lange im Voraus ansieht. Manchmal bleibt nicht mal die Zeit, dass Angehörige es erkennen.

Aus diesem Grund erzähle ich meine Geschichte. Denn ich musste feststellen, dass viele Ärzte eine Diabulimie und das Insulin-Purging nicht als solches erkennen. Schlechte Zeiten hat jeder einmal – oder eine Null-Bock-Phase. Menschen mit einer Essstörung brauchen aber ganz spezielle Hilfe und für diese müssen wir heute noch kämpfen. Genau deswegen ist Aufklärungsarbeit so wichtig und deswegen erzähle ich auch in der Öffentlichkeit was mir widerfahren ist.

Wie ich es geschafft habe aufzuhören, könnt ihr in meinem nächsten Beitrag lesen!