Isabel engagiert sich ehrenamtlich bei der Bergrettung

„Der Blutzucker kann einiges maskieren“

In unserem Interview erzählt Isabel von ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit bei der Bergrettung – und was das Thema Blutzuckermessen damit zu tun hat. 

Isabel im ehrenamtlichen Einsatz bei der Bergrettung

Isabel arbeitet seit rund vier Jahren bei Roche Diagnostics in Penzberg und ist dort im Bereich der Produktion tätig. Ihr Team stellt Einsatzstoffe für die diagnostischen Kits von Roche her, mit deren Hilfe die Diagnose verschiedener Indikationen, wie zum Beispiel Hepatitis, Krebs oder Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) möglich ist. Ein spannendes Thema – aber nicht der einzige Grund für ihren Umzug nach Bayern. Hier hat besonders ihre Liebe zu den Bergen eine große Rolle gespielt.

Wie kam es dazu, dass Du dich für einen Einsatz bei der Bergwacht gemeldet hast?
Ich war ja ganz neu in einer ungewohnten Umgebung, wollte neue Kontakte knüpfen und Gleichgesinnte kennenlernen. Ich wollte aber vor allem auch andere Menschen kennenlernen, die ähnliche Interessen haben und mich schnell in die Gemeinschaft im Ort integrieren.

Inwiefern hat Deine Liebe zu den Bergen dazu beigetragen, dass es unbedingt die Bergwacht sein sollte und nicht ein anderes Hobby?
Da ich selbst sehr viel und sehr gerne in den Bergen unterwegs bin ist es mir wichtig, dass ich die Bedingungen die dort herrschen gut einschätzen und auch im Ernstfall anderen Menschen helfen kann. Deswegen fand ich es toll, gerade im Umfeld der Bergwacht viel dazuzulernen und mich im Gegenzug auch ehrenamtlich dort zu engagieren.

Welche Anforderungen muss ein Bergretter erfüllen?
Ich habe im Sommer 2015 eine dreijährige Ausbildung begonnen, die ich neben meiner Arbeit bei Roche an den Wochenenden absolviert habe. Man wird ja nicht von einem Tag auf den anderen Bergretter, sondern muss auch etwas investieren. Am Anfang lernt man viele Techniken und Kenntnisse, die man für die Einsätze benötigt. In meinem Fall war das zu Beginn speziell die Notfallmedizin. Hier hatte ich praktisch gar keine Vorkenntnisse, bis auf den Erste-Hilfe-Kurs, den man noch vom Führerschein kennt. Daneben lernt man während der drei Jahre noch viele andere Themen – man kann sich aber auch ab dem ersten Tag bereits engagieren, Einsätze begleiten und das Gelernte direkt anwenden. Im Sommer 2018 habe ich meine Ausbildung abgeschlossen und habe vor Kurzem auch noch eine Fortbildung zur Luftrettung ergänzt.

Eine so umfassende Ausbildung kostet neben der investierten Zeit auch Geld. Wird man hierbei finanziell unterstützt oder zahlt man die Kosten selbst?
Die Kosten wurden komplett durch die Bergwacht Bayern übernommen.  Viele der Ausbildungsmodule finden übrigens am Wochenende statt. Deshalb dauert die Ausbildung insgesamt zwar länger, lässt sich aber auch gut mit einem Vollzeitjob vereinbaren.

Isabel steht auch in brenzligen Situation sicher auf den Skiern

Gab es auch schon vor Deinen Einsätzen bei der Bergrettung brenzlige Situationen, in denen Hilfe notwendig war?
Ja, das war in der Tat so. Ich wurde auch selbst schon einmal gerettet. Bei einer Klettertour in den französischen Alpen ist uns beim Abstieg ein Fehler unterlaufen. Wir haben aus Versehen den falschen Weg genommen und sind quasi in einer Sackgasse gelandet, aus der wir gefahrlos nicht mehr allein herausgefunden hätten. In dieser Situation mussten wir die Rettung verständigen.

Wie hast Du die Rettungssituation empfunden?
In erster Linie war ich wirklich beeindruckt. In den französischen Alpen spielt die Bergrettung eine große Rolle, da hier besonders viele Touristen unterwegs sind. Innerhalb weniger Minuten wurden wir durch die Einsatzkräfte mit dem Hubschrauber ausfindig gemacht und konnten gerettet werden. Im Nachhinein hat mich diese Erfahrung sehr geprägt. Wenn man, so wie ich, viel in den Bergen unterwegs ist und auch gewisse Ziele hat ist es einfach wichtig, dass man jede Situation richtig einschätzen kann und nicht unbedacht oder falsch handelt. Man braucht ein Gefühl dafür, ob eine Situation noch handhabbar ist oder ob man eine Tour möglicherweise abbrechen sollte. Diese Rettung hat dann auch dazu beigetragen, dass ich selbst Bergretter werden wollte.

Bei einem Einsatz zählt jede Sekunde

Ein Utensil, das bei keinem Deiner Einsätze fehlen darf, ist ein Blutzuckermessgerät. Wieso?
Wir sind mit einer Standardausrüstung für die Notfallmedizin ausgestattet, um möglichst viele Situationen meistern zu können. Blutzuckermessgeräte sind in jedem der Einsatzrucksäcke vorhanden, ich habe mir zusätzlich aber auch noch ein Accu-Chek Guide Blutzuckermessgerät für den privaten Einsatz zugelegt, damit ich auch dann eine Blutzuckermessung bei Personen durchführen kann – auch wenn ich gerade nicht im Einsatz bin. Die Blutzuckermessung spielt bei der Bergrettung nämlich eine wichtige Rolle. Bei einer Rettungssituation gehen wir nach einem konkreten Ablauf vor. An erster Stelle steht hier die Kommunikation, damit wir die Situationen schnell und richtig einschätzen können.

Wie sieht dieser Ablauf aus?
Jeder Rettungseinsatz läuft nach dem sogenannten ABCDE-Schema ab. An erster Stelle steht, dass wir nicht in Stress geraten, daher hangeln wir uns an festen Leitfragen entlang. Ein Punkt ist hierbei der „Body-Check“, über den wir sofort kritische Zustände und Verletzungen erkennen können. Es kann sein, dass neben der direkt ersichtlichen Verletzung auch Begleiterscheinungen vorhanden sind. Ein Beispiel: Eine Person ist gestürzt und hat sich dabei den Fuß gebrochen. Möglicherweise ist sie aber deshalb gestürzt, weil sie akut unterzuckert war und ihr schwindelig wurde. Nach dem ABCDE-Schema versucht man also zuerst kritische Symptome zu erkennen und kann dann weitere Schritte einleiten, den Abtransport starten oder einen Notarzt hinzurufen.

Ein Blutzuckermessgerät ist fester Bestandteil der Ausrüstung

An welcher Stelle des ABCDE-Schemas steht die Blutzuckermessung?
Die Blutzuckermessung kommt an  Stelle  „D - Disability“ und ist Teil der Beurteilung des neurologischen Status. Hier ist es ganz wichtig eine Blutzuckermessung durchzuführen, da der Blutzucker auch sehr viel maskieren kann. Das bedeutet, dass aufgrund eines zu niedrigen Blutzuckerspiegels auch zusätzliche Symptome auftreten können, die man mit anderen Krankheitsbildern in Zusammenhang bringt – und deswegen eine falsche Diagnose stellt. Um alle Symptome richtig einordnen zu können ist es also wichtig zu wissen, ob sich der Blutzuckerspiegel im Normalbereich befindet oder nicht. Deshalb wird bei vielen Einsätzen häufig zunächst der Blutzuckerspiegel gemessen, unabhängig davon, ob es sich bei der Person um einen Menschen mit Diabetes handelt oder nicht.

Was sind die Hauptursachen, weshalb Personen bei Wandertouren in den Bergen in den Zustand einer Unterzuckerung rutschen?
Oftmals liegt es an der körperlichen Aktivität und Anstrengung, die vielleicht einfach falsch eingeschätzt wurden. Eine andere Ursache, die ebenfalls damit zusammenhängt, ist das Auslassen von Mahlzeiten oder dass zu wenig gegessen wurde. Gepaart mit der körperlichen Anstrengung kann es hierbei schnell zum Absinken des Blutzuckerspiegels kommen. In diesen Fällen ist es wichtig, dass wir die Symptome der Hypoglykämie, wie Verwirrtheit oder auch Aggression, schnell und richtig erkennen und handeln. Im schlimmsten Fall kann es zur Bewusstlosigkeit, zu Krämpfen oder auch Lähmungen kommen – was ebenfalls für einen Schlaganfall sprechen kann. Alles in allem zeigt sich also: Über die Messung des Blutzuckerspiegels können wir schnell und zuverlässig die richtigen Diagnosen stellen. 

Was rätst Du Personen, bei denen die Messung einen kritischen Blutzuckerwert aufzeigt?
Nachdem wir erste Maßnahmen zur Stabilisierung des Blutzuckerspiegels eingeleitet haben, zum Beispiel durch zuckerhaltige Getränke, raten wir den Personen Ihren Arzt aufzusuchen und die Situation sowie weitere Maßnahmen zur Anpassung der Therapie zu besprechen.

Darüber hinaus ist es aber auch wichtig abzuklären, ob zusätzlich eine andere Erkrankung vorliegt, die sich negativ auf den Blutzuckerspiegel auswirkt. Über den Blutzucker lässt sich einfach und schnell erkennen, ob der Stoffwechsel stabil ist ob medizinische Maßnahmen eingeleitet werden müssen.

Du bist neben Deinen Einsätzen auch weiterhin privat in den Bergen unterwegs. Gibt es eine Wanderstrecke oder einen Ort, den Du ganz besonders magst?
In der näheren Umgebung ist meine liebste Wanderstrecke die Überschreitung des Heimgarten und Herzogstands. Das ist eine ganz beliebte und auch bekannte Strecke in den Voralpen. Gerade in der Frühlingszeit, wenn noch etwas Schnee liegt und die Bahn bestenfalls noch nicht in Betrieb ist, bin ich hier besonders gerne unterwegs.