Den Diabetes zum Beruf gemacht

Oh nein, muss das wirklich sein?

Man sollte eigentlich meinen, eine Erkrankung wie Diabetes ist eine lästige Angelegenheit, mit der man sich so wenig wie nur irgend möglich aufhält. Auch als reine Privatsache fordert so ein Diabetes schließlich mehr Aufmerksamkeit als einem eigentlich lieb ist. Was also treibt Diabetiker dazu, ihre Krankheit zum Beruf zu machen und sich tagein, tagaus auch im Job mit Blutzuckerwerten, Insulindosen und Kohlenhydrateinheiten zu beschäftigen?

Den Diabetes zum Beruf gemacht
Den Diabetes zum Beruf gemacht: So sieht Antjes Alltag jetzt aus

Ich bin in meine Karriere als „Berufsdiabetikerin“ eher zufällig hineingeschlittert. Als freiberufliche Medizinjournalistin fand ich früh mein Spezialgebiet in der Chirurgie und betreue seit dem Jahr 2000 als verantwortliche Redakteurin eine Zeitschrift für niedergelassene Chirurgen. Später kamen auch PR-Texte für verschiedene Agenturen hinzu – darunter eine, die im Auftrag der Firma Roche Fachpressemitteilungen für die Marke Accu-Chek produzierte. Für mich waren diese Texte der erste Berührungspunkt mit der Diabetesszene: Ich lernte viel über Blutzuckerzielbereiche, die Bedeutung regelmäßiger Blutzuckermessungen, das Risiko von Folgeerkrankungen und den Effekt von Nahrungsmitteln und Bewegung auf den Blutzuckerspiegel.

Mit einem Blutzuckerwert von 380 mg/dl fing es an

Dieses Vorwissen half mir sehr, als ich am 30. März 2010 – ich war gerade 40 Jahre alt geworden – selbst die Diagnose Diabetes erhielt. Mich plagte neben einer ganz leichten Midlife-Crisis nur ein hartnäckiger Husten, dem mit den üblichen Hausmitteln einfach nicht beizukommen war. Also ging ich zu meinem Hausarzt, um meine Lunge abhören und mir etwas Stärkeres gegen meinen Husten verschreiben zu lassen. Bei der Gelegenheit wollte ich ihm auch den komischen Computerbrief vom Roten Kreuz zeigen, der nach dem Blutspendetermin ins Haus geflattert war. Dort hatte man außer der Reihe, als kleinen Service für die Blutspender, den Blutzuckerwert bestimmt. Ich bekam Post, weil mein Wert irgendwo bei 380 mg/dl lag. Ich wusste, dass das ein absurd hoher Wert war. Doch ich tippte auf einen Messfehler, weil ich keines der typischen Diabetes-Symptome wie übermäßigen Durst und ständiges Wasserlassen hatte.

Leider kein Messfehler, sondern Typ-1-Diabetes

Beim Hausarzt angekommen, berichtete ich also zuallererst über meinen blöden Husten und nur am Rande über das seltsame Schreiben vom Roten Kreuz. Mein Hausarzt fragte nach Diabetes in meiner Familie, nach meinen Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten, stellte mich auf die Waage und konnte keine Indizien für einen Typ-2-Diabetes entdecken. Und für einen Typ-1-Diabetes sei ich ja offensichtlich eigentlich zu alt. „Na, dann war das sicherlich ein Messfehler“, meinte auch er. Leider zeigte auch das Messgerät in der Arztpraxis 378 mg/dl an – und mein Hausarzt wurde ganz blass um die Nase. Über den Husten wollte er nicht mehr mit mir sprechen, ich sollte erst zum Diabetologen gehen. Noch war mir der Ernst der Lage überhaupt nicht bewusst, denn ich sagte nur: „Okay, dann mache ich im Laufe der Woche mal einen Termin bei einem Diabetologen.“ Er schüttelte den Kopf: „Nein, ICH mache Ihnen einen Termin, und zwar jetzt gleich, und dann gehen Sie ohne Umschweife direkt dorthin. Vermutlich haben Sie Typ-1-Diabetes.“

Ein PR-Text über Accu-Chek Mobile musste erst einmal warten

Als ich die Praxis meines Hausarztes verließ, war mir immerhin klar, dass ich neben meinem Freund (und mittlerweile bester Ehemann aller Zeiten) auch meinen Kunden anrufen sollte. Denn ich sollte im Auftrag der PR-Agentur für Roche einen weiteren Fachpressetext zu den Vorzügen des damals brandneuen Blutzuckermesssystems Accu-Chek Mobile liefern, und mir war klar, dass ich die Deadline nicht würde halten können. In der Diabetespraxis, die ich auf Geheiß meines Hausarztes umgehend aufsuchte, bekam ich nach Blutentnahme und Blutzuckermessung einen Insulinpen und musste mir unter Aufsicht der Diabetesberaterin meinen ersten Schuss Insulin setzen. Ich durfte mir ein Blutzuckermessgerät aussuchen und entschied mich (wohl kaum verwunderlich) für das Accu-Chek Mobile, weil ich mich beim Schreiben der PR-Texte ja immerhin theoretisch schon mit seinen Funktionen vertraut gemacht hatte. 

Bei der Schulung lernte ich, wie wichtig verständliche Aufklärung ist

Mit Eintreffen der Laborbefunde war es dann amtlich: Ich habe Typ-1-Diabetes. Meine Schulung in der intensivierten konventionellen Insulintherapie (ICT) absolvierte ich zusammen mit einer Reihe von insulinpflichtigen Typ-2-Diabetikern, die nachgeschult werden mussten. Es war die erste verfügbare ambulante ICT-Schulung in meiner Diabetespraxis, deshalb war es mir egal, dass die Schulung nicht spezifisch auf Typ-1-Diabetes ausgerichtet war. Allerdings langweilte ich mich über weite Strecken. Während die anderen Studienteilnehmer Bildchen betrachteten und überlegten, welches der abgebildeten Nahrungsmittel wohl Kohlenhydrate enthält, wartete ich auf die erlösende Formel: Wie viele Einheiten Insulin senken meine Blutzuckerwert um wie viele mg/dl? Wirklich ergiebig war für mich deshalb vor allem der Schulungstag, an dem wir über KE- und Korrekturfaktoren sprachen und Fallbeispiele durchrechneten. Die anderen Schulungstage waren für mich eher berufliche Fortbildung, denn ich lernte viel über meine Zielgruppe als Journalistin. Vor meinem Zusammentreffen mit den anderen Schulungsteilnehmern war mir überhaupt nicht bewusst gewesen, dass viele Menschen kaum etwas über Nährwerte und die Zusammensetzung von Lebensmitteln wissen. Kein Wunder, dass es ihnen schwerfällt, die Auswirkungen von Lebensmitteln auf ihren Blutzucker abzuschätzen. Bei der Schulung lernte ich, wie wichtig allgemeinverständliche Aufklärung ist – und zwar immer wieder. Und ich war dankbar für mein Vorwissen, das es mir erheblich erleichterte, meinen Diabetes relativ rasch gut einzustellen.

Beruf und Diabetes: Journalismus

Kongressberichte, Reportagen, Features und Blogbeiträge

Meinen Job als Redakteurin meiner chirurgischen Zeitschrift habe ich zwar nicht an den Nagel gehängt, doch ich schreibe heute noch häufiger als früher über Diabetes-Themen. Bei der Medical Tribune, einer Wochenzeitung für Hausärzte, bei der ich als freie Mitarbeiterin anheuerte, kriegte die Redaktion rasch spitz, dass ich Typ-1-Diabetes habe und mich besonders für Diabetes interessiere. Man schickte mich zu Kongressen im In- und Ausland, damit ich über die neuesten Erkenntnisse aus der Diabetologie berichte. Als der Medical Tribune Verlag im Frühjahr 2016 den Zuschlag erhielt, für die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) eine monatliche „Diabetes Zeitung“ zu produzieren, war ich ebenfalls von Anfang an mit im Boot. Doch ich schreibe nicht nur für die ärztliche Fachpresse, sondern auch für ein breites Publikum: In der Zeitschrift „Focus Diabetes“ kann man regelmäßig Reportagen und Features von mir lesen, ebenso online in der „Blood Sugar Lounge“. Darüber hinaus blogge ich unter www.suesshappyfit.wordpress.com über mein Leben mit Diabetes und werde auch als Bloggerin zu diversen Veranstaltungen eingeladen, bei denen ich mich mit Experten und anderen Bloggern austausche. Mittlerweile lässt es sich also wohl wirklich nicht leugnen, dass ich meinen Diabetes zum Beruf gemacht habe.

Ich habe mehr als zuvor das Gefühl, wichtige Arbeit zu leisten

Bislang bin ich noch nicht müde geworden, mich jeden Tag aufs Neue mit Diabetes zu beschäftigen. Im Gegenteil: Weil ich selbst am eigenen Leib erfahren muss, wie sich Diabetes anfühlt, lesen sich meine Texte vermutlich um einiges authentischer als noch vor meiner Diagnose. Ich tummele mich gern auf Diabetes-Kongressen und lerne dort ungeheuer viel, das auch für meine eigene Therapie nutzen kann. Und ich habe mehr als zuvor das Gefühl, wichtige Arbeit zu leisten: Schließlich erkranken immer mehr Menschen weltweit an Typ-1- und Typ-2-Diabetes, die Lebensbedingungen in den Industrienationen tun ihr Übriges. Wenn ich durch meine Arbeit ein wenig dazu beitragen kann, neue Erkenntnisse aus der Diabetesforschung zu verbreiten, Menschen über Diabetes aufzuklären und Betroffenen mit Geschichten aus dem echten Leben ein wenig Trost zu spenden – dann mache ich einen guten Job.