Was Lehrer über den Diabetes Ihres Kindes wissen sollten

Pack doch mal das Handy weg

Lehrer tragen große Verantwortung bei der Betreuung ihrer Schüler. Wenn zusätzlich auch noch die Verantwortung bei gesundheitlichen Themen hinzukommt, ist ein klarer und offener Dialog wichtig.

Diabetes in der Schule: Was Lehrer wissen sollten
In der Schule mit Diabetes: Helfen Sie den Lehrern beim Lernen.

"Paul, wenn du nicht aufhörst, an deinem Smartphone rumzuspielen, kannst du's nach der letzten Stunde bei mir abholen! (…) Wie, das ist kein Smartphone, sondern gehört zu deiner Insulinpumpe?" Solche und ähnliche Missverständnisse im Schulalltag vermeiden Sie am besten mit offenen und rechtzeitigen Gesprächen. Auch bei einem gut eingestelltem Diabetes und Selbstständigkeit des Kindes kann es immer mal vorkommen, dass während der Unterrichtszeit der Blutzucker gemessen oder etwas gegessen werden muss – Diabetes richtet sich eben weder nach Lehr- noch Stundenplan.  

Am besten versuchen Sie, die Lehrkräfte bei einem offenen Elterngespräch mit ins Boot zu holen:

1. Mit wem sollte ich das Gespräch suchen?

Wenden Sie sich zuerst an den Klassenlehrer. Vor allem in der Grundschule spielt er die wichtigste Rolle im Schulalltag Ihres Kindes – aber auch an weiterführenden Schulen bleibt er (oder sie) Ihr Hauptansprechpartner. Als zweites sollten Sie sich an den Sportlehrer Ihres Kindes wenden. Wenn möglich, suchen Sie darüber hinaus auch Kontakt zu weiteren Lehrern – oder bitten Sie zumindest den Klassenlehrer, die Informationen an die Kollegen weiterzugeben.

2. Wie beginne ich das Gespräch?

Zu Anfang sollten Sie eventuelle Wissenslücken über Diabetes schließen – oder überhaupt eine Grundlage schaffen. Dafür können Sie auch schriftliches Infomaterial an die Hand geben, zum Beispiel diese Broschüre der Arbeitsgemeinschaft für Pädiatrische Diabetologie e.V. Betonen Sie gleich zu Beginn, dass Ihr Kind alles mitmachen darf und genauso belastungsfähig ist wie die Klassenkameraden. Ein Ratschlag: Beschreiben Sie die Diabetes-Therapie nur so ausführlich wie unbedingt nötig, sonst wirkt Ihr Kind "kränker", als es ist. Empfehlen Sie Wachsamkeit, aber keine übertriebene Fürsorge – Ihr Kind soll schließlich genauso aufwachsen wie andere Kinder auch.

3. Wie bereite ich auf Notfälle vor?

Erklären Sie dem Klassenlehrer und dem Sportlehrer genau, was eine Unterzuckerung ist und welche Maßnahmen in diesem Fall ergriffen werden müssen. Beschreiben Sie, wie sich eine Hypoglykämie bei Ihrem Kind ankündigt: Schwitzen, Zittern, Gereiztheit, Konzentrationsstörungen. Auch die restlichen Lehrer Ihres Kindes sollten über diese Symptome sowie die entsprechenden Maßnahmen informiert sein. Stellen Sie klar, dass Sie, der Arzt oder der Diabetologe Ihres Kindes in Notfällen immer zu erreichen sind. Bitten Sie, sämtliche Telefonnummern für alle Lehrer leicht zugänglich zu hinterlegen. Zusätzlich können Sie den Lehrkräften diesen Notfallplan, ausgefüllt mit allen wichtigen Telefonnummern, an die Hand geben – darin steht genau, was im Fall einer schweren Unterzuckerung passieren muss. Sie haben nun gut vorgesorgt. Betonen Sie jedoch bei aller Vorsicht: Schwere Unterzuckerungen kommen bei einem gut eingestellten Diabetes nur sehr selten vor.

4. Welche Ausnahmen gelten im Unterricht?

Wenn es die Therapie Ihres Kindes verlangt, muss Essen und Trinken im Unterricht erlaubt sein. Ebenso, dass Ihr Kind bei Bedarf den Blutzucker misst, Einstellungen an der Pumpe vornimmt oder sich Insulin gibt. Ein Tipp für den Schulalltag: Ihrem Kind und den Lehrern werden solche Unterbrechungen des Unterrichts erleichtert, wenn alles schnell und ohne großes Aufhebens passiert. Das heißt, Essen und Getränke sind idealerweise passend portioniert und erfordern kein großes Auspacken oder gar Geschirr. Beim Blutzuckermessen vermeiden Sie große Kramerei in der Schultasche am besten mit einem Blutzuckermessgerät, das schnell zur Hand und startklar ist. Günstig sind dafür Blutzuckermesssysteme, die alle notwendigen Utensilien in einem Gerät kombinieren, wie zum Beispiel Accu-Chek Mobile. Durch die integrierte Kassette mit 50 Tests muss nicht lange nach der Teststreifendose gesucht werden, auch das Entsorgen benutzter Teststreifen entfällt. Solche kleinen Erleichterungen können dabei unterstützen, das Blutzuckermessen in der Schule auch für die Lehrer zu einem überschaubaren Aufwand werden zu lassen.

5. Welche Ausnahmen gelten für den gesamten Schulalltag?

Der Unterricht wird spontan verlängert oder eine Schulstunde durch Toben auf dem Schulhof ersetzt? Nun sollte die Schule mit Ihnen Rücksprache halten: Muss mit zusätzlichen Kohlenhydraten ausgeglichen werden oder sind Veränderungen an der Insulindosis nötig? Oder Umgekehrt: Fällt die Sportstunde aus, die Insulinrate Ihres Kindes ist aber auf die geplante Bewegung angepasst? Dann muss vielleicht mit einem Bolus gegengesteuert werden. Stellen Sie klar, wie sich spontane Änderungen im Schulalltag auf die Diabetes-Therapie Ihres Kindes auswirken. Die Rücksprache mit Ihnen ist deshalb je nach Alter des Kindes unerlässlich – dafür sind Sie als Eltern jederzeit telefonisch erreichbar.

Wer trägt die Verantwortung?

Sie haben nun geklärt, was der Diabetes für den Schulalltag Ihres Kindes bedeutet – welche Sonderregelungen gelten müssen und welche Situationen auftreten können. Nun stellt sich die Frage: Wie viel Verantwortung tragen die Lehrkräfte? Lehrer sind medizinische Laien und nicht dazu verpflichtet, über den akuten Notfall hinaus (zum Beispiel im Falle einer starken Über- und Unterzuckerung) die medizinische Versorgung eines Kindes mit Diabetes zu gewährleisten. Je nach Alter braucht Ihr Kind jedoch Hilfe beim Interpretieren von gemessenen Werten, beim Schätzen von Mahlzeiten und bei der Insulingabe. Dafür ist es nötig, dass entweder die Eltern oder ein Schulbegleiter zur Schule kommen, um dabei zu unterstützen – oder dass sich eine Lehrkraft dazu bereit erklärt. Haben Sie Verständnis, wenn Sie hier auf eine skeptische Reaktion stoßen: Wer im Falle eines Anwendungsfehlers haftet, ist bis jetzt nicht gesetzlich geregelt.

7. Mit Geduld und Spucke

Auch wenn Sie anfänglich von der möglicherweise mangelnden Kooperationsbereitschaft etwas enttäuscht sind: Lassen Sie sich nicht entmutigen. Vermutlich haben die fraglichen Lehrer keinerlei Erfahrung im Umgang mit Diabetes. Wenn es Ihnen in den ersten Monaten zu vermitteln gelingt, dass Sie und Ihr Kind den Diabetes im Griff haben und "alles halb so wild" ist, erhöht sich vielleicht die Bereitschaft zur Unterstützung. Bleiben Sie deshalb am Ball und bitten Sie zu einem günstigeren Zeitpunkt erneut um ein Gespräch.

Ein erstes Modellprojekt in Rheinland-Pfalz schult Lehrer und Erzieher im Umgang mit Kindern mit Diabetes in Schule und Kindergarten.