„Alle denken, dass man auf einmal geheilt ist und nichts mehr tun muss.“

Der Unterschied zwischen Diabetes Typ-1 und Typ-2 ist nicht bekannt – nur einer der vielen Kopfschüttel-Momente, denen EinAnndu im Gespräch mit „Diabetes Experten“ begegnet ist.

08.02.2017 / EinAnndu
Sogenannte Diabetes Experten
Möchtegern-Diaprofis und –Experten: EinAnndu hat sie schon in allen Farben getroffen

Jeder kennt sie: Die Diabetesprofis. Diese kann man in verschiedene Typen unterteilen, nämlich die, die "mal was gehört haben", "diesen einen Freund haben, der Diabetes hat" oder die "das im Fernsehen gesehen haben". Selbsternannte Experten gibt es viele, doch gerade zum Thema Diabetes habe ich schon die skurrilsten "Profis" getroffen. Sei es auf der Arbeit, zuhause oder beim Hobby, interessante Dialoge gibt es überall.

Eines Tages redete ich mit einer guten Freundin über das Thema Diabetes. Ich stellte schnell fest, dass sie zum Typ "ich habe diesen einen Freund", nennen wir ihn mal Typ-2, gehört. Erste Frage natürlich gleich "Wie schlimm ist denn der Diabetes bei dir?". Geduldig erzählte ich ihr mehr über den Sachverhalt und was genau Diabetes eigentlich ist. Doch dann fing sie an über "diesen einen Freund" zu reden. "Er hat so schlimm Diabetes, dass er sich jede Nacht den Wecker stellen muss, um sich zu spritzen, sonst wacht er nicht mehr auf." Okaay. Na dann, der Arme. Schlecht informierte Quelle? Schlechter Diabetologe oder ganz andere Krankheit? Egal. Ich versuchte das Thema zu wechseln.

Eine ganze Weile später erzählte ich besagter Freundin, dass ich eine Insulinpumpe bekommen sollte. Erster Kommentar "Oh je, du Arme, hast du schon Angst vor der OP?" Ja ...Genau. Wie immer erklärte ich geduldig, während ich in mich hinein lachte. Gerade beim Thema Pumpe braucht der Diabetiker von heute seehr viel Geduld. Alle denken, dass man auf einmal geheilt ist und nichts mehr tun muss, weil die Pumpe alles selber macht. Nicht selten bekam ich verwirrte Blicke oder Kommentare, als ich mein Blutzuckermessgerät hervorzog. Ich bräuchte das doch nicht mehr, weil ich jetzt die Pumpe hätte. Schön wär´s.

Naja, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte. Kommen wir wieder zu den Experten. Experten Typ 1 ("das habe ich mal gehört") sind bekanntlich die Schlimmsten. Ich habe für eine Weile im Kindergarten gearbeitet und da trifft man schon die interessantesten Personen, Kinder wie Eltern. Eines der Kinder hat sich beim Mittagessen immer geweigert jegliche Art von Gemüse oder überhaupt gesunde Kost zu sich zu nehmen. Als wir die Mutter drauf ansprachen, sagte diese mir doch eiskalt ins Gesicht: "Ja wissen Sie, das ist auch gut so, dass er das nicht isst und ich möchte nicht, dass sie ihn dazu zwingen. Wenn man Kinder zwingt etwas zu essen, was sie nicht mögen, dann bekommen Sie Diabetes." Auch eine Meinung. Ich wusste nicht, ob ich vor Wut kochen oder lachen sollte. Und nein, ich habe ihr nicht erzählt, dass ich Diabetikerin bin. Was soll´s.

Reden wir auch noch von den Typ 3 Experten ("das habe ich im Fernsehen gesehen.") Sie sind bekannt für die Sprüche, die jeden Typ-1-Diabetiker auf die Palme bringen: Die Süßigkeitentheorien. Demnach ist man nur Diabetiker, weil man sich sein ganzes Leben lang ungesund ernährt hat und zu viel Süßes gegessen hat. Ja, selbst dann, wenn man als kleines Kind Diabetes bekommen hat. Egal, da ist jede Mühe zu viel. Aber ganz ehrlich, wenn Diabetes im Fernsehen thematisiert wird, dann werfen die Medien meistens Diabetes Typ-1 und Typ-2 in einen Topf. Da muss man sich auch nicht wundern, wenn so etwas dabei heraus kommt. Jeder, der schon mal amerikanische Werbung geschaut hat weiß wovon ich rede ("be aware that insulin may cause low blood sugar").

Den bisher besten Dialog führte ich aber mit einem Typ-2 Experten (der mit dem Freund). Es handelte sich um eine Person im engen Familienkreis und eines Tages sagte ich, dass ich nicht zur Arbeit könne, weil ich eine Erkältung habe. Daraufhin sein Kommentar: "Hast du mal Blutzucker gemessen?" Ich fragte ihn wieso und er bestand so vehement darauf, dass ich messen sollte, bis ich es am Ende tat. Der Wert war ok und ich fragte ihn, wieso ich jetzt hatte messen sollen. Er meinte: "Das hat doch was mit dem Blutzucker zu tun, wieso sonst sollte meine Bekannte immer Panik bekommen, sobald sie Schnupfen hat?" So hatte ich den Sachverhalt noch nie betrachtet. Die Schlussfolgerung ist ja logisch. Ob man jetzt Angst hat, schlechte Werte durch Krankheit zu bekommen oder andersrum, ist doch eigentlich egal. Oder?

Euch allen Diabetikern wünsche ich viel Geduld mit solchen Experten. Manchmal hilft es einfach, heimlich in sich hineinzulachen, ruhig zu bleiben und zum fünfhundertsten Mal zu erklären: Warum und Wie und Was. Eines muss man diesen Menschen zu Gute halten: Irgendwie scheint ihnen das Thema Diabetes, oder zumindest Gesundheit, doch wichtig zu sein.