Psyche, Essen und Gewicht

Prof. Jacob über Psyche, Diabetes, Bulimie und Diabulimie

13.02.2017 / #meinbuntesleben Redaktion
Diabetes, Bulimie und Diabulimie
Von Essstörungen sind besonders weibliche Teenager betroffen – gefährlicher Trend: Diabulimie

Das Thema Essstörung ist auch in unserer Zeit nach wie vor ein Tabu. Zwar sind Magersucht und Bulimie bekannt, darüber geredet wird jedoch häufig nur hinter vorgehaltener Hand. Wir sprachen mit Professor Jacob über den gefährlichen Abnehm-Trend bei Diabetes und ab wann man von einer Essstörung spricht.

Wann genau fängt Ihrer Ansicht nach eine Essstörung an?

Oh, das ist eine schwierige Frage, auf die es pauschal keine Antwort gibt. So gibt es Menschen, die aus Langeweile, Kummer oder Stress essen und nicht weil sie hungrig sind und dadurch zwangsläufig zu viel und auch die falschen Dinge essen. Essgestört sind sie deshalb nicht unbedingt. Wenn die psychische Komponente jedoch dauer- oder zwanghaft überwiegt, dann ist das gesunde Essverhalten gestört. Es gibt auch Menschen, die am Tag immer wieder nur über Essen und ihr Gewicht nachdenken, für die es keine wichtigeren Themen gibt. Sie achten penibel auf den Fett- und Kaloriengehalt ihrer Speisen, wiegen sich jeden Tag und reduzieren ihre Nahrungsmenge von Woche zu Woche. In beiden Fällen sind das Indizien für ein gestörtes Verhältnis zum Essen. Das kann sich verselbstständigen und man kann dann in eine schwere Essstörung hineinrutschen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Diabetes und einem gestörten Essverhalten?

Aus der Erfahrung heraus kann ich sagen, dass Übergewicht oft mit einem gestörten Essverhalten zusammenhängt. Und dass Übergewicht das Risiko für einen Typ-2-Diabetes begünstigen kann, wissen wir. Es gibt aber keine Daten dafür, dass ein gestörtes Essverhalten und Diabetes direkt zusammenhängen. Was wir jedoch sehen ist, dass Essstörungen bei weiblichen Teenagern mit Diabetes mehr als doppelt so häufig wie bei anderen Mädchen vorkommen. Dies mag daran liegen, dass die Diagnose Diabetes oft zu einer veränderten Körperwahrnehmung führt. Eine erfolgreiche Therapie muss daher die psychischen Konflikte mit einbeziehen, die zur Essstörung führen und einen verantwortungsvollen Umgang mit der Erkrankung lehren.

Welche Essstörungen treten Ihrer Erfahrung nach besonders häufig auf bei Diabetes?

Gerade bei jugendlichen Diabetikern ist die Bulimie weit verbreitet. Nach unkontrollierten Essattacken versuchen besonders Mädchen und junge Frauen aus Angst zuzunehmen, die Kalorien über Erbrechen, Diäten oder exzessiven Sport wieder loszuwerden. Zunehmend beobachten wir aber auch mit Sorge neue Abnehm-Trends wie zum Beispiel Diabulimie.

Was genau ist unter einer Diabulimie zu verstehen?

Bei Diabulimie, auch Insulin-Purging genannt, spritzen sich Patienten gezielt zu wenig Insulin, um abzunehmen. Weniger Insulin führt zu mehr Glukose im Blut und schließlich zur Ausscheidung von Kalorien aus Glukose über den Urin. Ein gefährliches ‘Spiel’, denn bekanntermaßen schädigt ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel nicht nur Gefäße und Nerven sondern kann weitere Folgen haben: Wenn Teenager nicht rechtzeitig wieder Insulin spritzen, können sie durch die sogenannte Ketoazidose, also eine Stoffwechselentgleisung durch den Insulinmangel, in ein tödliches Koma fallen.

Ketoazidose-Risiko-Diabulemie

Was empfehlen Sie Ihren Patienten in diesen Fällen?

Frühzeitig Hilfe holen! Die Patienten sollten zunächst unbedingt mit dem betreuenden Arzt bzw. Diabetologen sprechen. Psychologen können bei gestörtem Essverhalten helfen, indem sie die Ursachen ergründen. Patienten müssen lernen, wieder Verantwortung für ihre körperliche Gesundheit zu übernehmen, ebenso neu erlernen, was es heißt sich gesund und ausgewogen zu ernähren, und natürlich auch regelmäßig den Blutzucker zu messen und die Insulindosis daran richtig anzupassen.

Bei Diabulemie sollte schnell reagiert werden; hier sollten unbedingt die Gründe für das Verhalten analysiert und andere Strategien zum Gewichtsmanagement angeboten bzw. besprochen werden. Sicherlich kann auch eine qualifizierte ernährungsmedizinische Betreuung helfen, das Gewichtsmanagement zu unterstützen und auch die richtige Einstellung zwischen Essen und Medikament (z. B. Insulin) unterstützen. Es geht auch darum, passende Alternativen zu besprechen und zu finden.