Diabetes bei Kindern: Ein ungebetener Gast

Prof. Dr. Karin Lange über das Familienleben mit Diabetes

21.11.2016 / #meinbuntesleben Redaktion
Diabetes bei Kindern - Familienleben mit Diabetes
Diabetes bei Kindern: wesentlich ist ein stabiles Familien-Fundament

Diabetes bei Kindern betrifft die ganze Familie. Alle Familienmitglieder müssen sich mit der neuen Lebenssituation auseinandersetzen und Hand in Hand an einem neuen „normalen“ Alltag arbeiten.

Wie beeinflusst die Diagnose Diabetes eine Familie? Wie beeinflusst Diabetes die Beziehung der Eltern untereinander?

Diabetes ist zunächst für alle Familien wie ein ungebetener Gast, der sich in alle Belange des Alltags einmischt und der einfach nicht wieder „vor die Tür gesetzt werden kann. Eltern und Kinder müssen lernen, sich mit ihm zu arrangieren, ohne ihm einen viel zu großen Raum in ihrem Leben zu geben. Das gilt selbstverständlich auch für die Partnerschaft der Eltern. Es gibt Paare, die den Diabetes sozusagen als Gemeinschaftsprojekt erfolgreich managen. Sie stützen sich gegenseitig, haben gemeinsame Ziele, stimmen sich gut ab und vermeiden gegenseitige Vorwürfe, wenn etwas nicht klappt. Dadurch kann Stress aufgefangen und oft sogar verhindert werden.  Dazu gehört auch, dass sich Eltern trotz aller Belastungen Zeit für die Partnerschaft nehmen, sich Auszeiten gönnen und das Kind auch einmal in die Hände von Großeltern oder guten Freunden geben. Und das sollten sie ohne „schlechtes Gewissen“ tun. Denn entspannte Eltern tun jedem Kind gut.

Dagegen ist eine einseitige Betreuung, d. h. nur durch einen Elternteil (meist der Mutter), oft ungünstig. Gerade in Krisensituationen, die jeden überfordern würden, kann er nicht auf den Partner bauen. Die ausschließliche Konzentration auf das Kind und seinen Diabetes lassen keine Entspannung oder Ablenkung zu. Der Diabetes steht nur noch im Mittelpunkt, es gibt kaum andere Themen. Der andere Elternteil ist parallel nur noch dazu da, sich auf den Beruf zu konzentrieren und Geld zu verdienen. Es gibt kaum noch gemeinsame Themen. Manchmal trifft man auf Väter, die am Wochenende völlig hilflos sind, wenn sie plötzlich auf ihren achtjährigen Sohn mit Diabetes aufpassen sollen. Es geht nur als Team.

Diagnose Diabetes bei Kindern Interview Dr. Lange
Prof. Dr. Karin Lange leitet die Abteilung Medizinische Psychologie der Medizinischen Hochschule Hannover – sie ist Expertin für Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie beeinflusst die Erkrankung die Selbstwahrnehmung des betroffenen Kindes?

Das kommt immer auf das Alter der Kinder an und wie viel sie über ihre Situation reflektieren können. Fünfjährige machen eben alles mit, und die Situation ist nichts Besonderes, weil sie wenig darüber nachdenken. Sobald sie aber erleben, dass ihre Eltern wegen der Erkrankung traurig oder verstimmt sind, wird der Diabetes für sie ganz furchtbar. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn jeder Wert sehr emotional gesehen wird. Kinder fürchten dann teilweise, dass ihre Eltern sie nicht mehr „lieben“, weil die Werte dauernd schwanken. Das kann bereits jüngere Kinder sehr verzweifeln lassen.

Wo können sich Eltern Hilfe in Sachen Partnerschaft und Kindererziehung holen?

Es gibt das Delfin-Programm (Verlag Kirchheim), das für Eltern von drei- bis zehnjährigen Kindern mit Diabetes konzipiert wurde. Zunächst geht es im Programm darum, wie Eltern eine positive Beziehung zu ihrem Kind aufbauen und stärken können. Dabei geht es um viele kleine Chancen im Alltag, die Vertrauen fördern, die Bindung stärken und zu einer glücklichen Kindheit beitragen können. Außerdem vermittelt das Programm, wie Kinder denken und wie kindgemäße Regeln innerhalb einer Familie aufgestellt und umgesetzt werden können. Die Erziehung von Kindern mit Diabetes unterscheidet sich im Prinzip nicht von der gesunder Kinder, nur dass bei den betroffenen Familien der Diabetes mit zusätzlichen Herausforderungen verbunden ist. Dafür benötigen Eltern ein stabiles (Familien-)Fundament und praktische Tipps zum Alltag. Der nächste Schritt – Konsequenz – bereitet vielen Eltern heutzutage die größten Probleme, vielleicht auch weil Eltern aus lauter Mitleid mit ihrem Kind manches durchgehen lassen, was sie unter anderen Umständen unterbinden würden. Das Delfin-Programm soll Eltern helfen, eigene Erziehungsziele festzulegen und persönlich passende Strategien zur Bewältigung typischer Alltagskonflikte zu finden. Dabei wird oft deutlich, dass das Vorbild der Eltern wichtiger ist, als viele gute oder strenge Worte.

Welche Rolle soll/darf Diabetes im Familienalltag spielen? Muss es immer eine Hauptrolle sein?

Eltern sollten darauf achten, dass der Diabetes nicht zu sehr zum Zentrum der Aufmerksamkeit wird. Das kann sich ungünstig auf die Entwicklung der Persönlichkeit, d. h. der Identität eines Kindes auswirken. Bereits der Begriff „Diabetiker“ führt dazu, dass ein Kind nicht mit all seinen Eigenschaften gesehen, sondern auf die Stoffwechselstörung reduziert wird. Dagegen hilft, Kindern Gelegenheiten zu geben, bei denen sie sich außerhalb des Diabetes beweisen können, z. B. beim Sport, durch soziales Engagement oder andere Hobbies, die Erfolgserlebnisse vermitteln. Zur Veranschaulichung der Situation habe ich ein schönes Beispiel, das eine befreundete Diabetesberaterin nutzt: Am Anfang ist der Diabetes wie eine Eisenkugel, die am Bein festgemacht ist und jede Bewegung einschränkt. Genau wie bei Gefangenen. Aber diese sollte innerhalb der Therapie ganz schnell zu einem Luftballon werden, der an einem Bändchen hängt