Polyneuropathie

Diabetische Nervenschäden an den Füßen – was steckt dahinter?

29.03.2021 / #meinbuntesleben Redaktion
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Bis in die kleinsten Winkel durchziehen Nervenfasern unseren Körper. Ihr Job ist es, Sinnesreize und Bewegungsimpulse zu übertragen. Hohe Blutzuckerwerte können dem feinen Geäst schaden, erste Anzeichen sind häufig Empfindungsstörungen an den Füßen. Je früher eine diabetische Neuropathie erkannt wird, desto besser lassen sich die Symptome lindern und ein Fortschreiten der Nervenschäden vermeiden.

Diabeteswissen kompakt

Wenn die Füße schneller kribbeln und einschlafen, egal ob man im Bett liegt oder im Schneidersitz hockt, dann sollten bei Menschen mit Diabetes die Alarmglocken läuten. Gleiches gilt bei Taubheitsgefühlen, brennenden oder stechenden Schmerzen, dem Verlust des Kälte- und Wärmeempfindens oder auch einem unsicheren Gang. Denn diese Missempfindungen können ein Hinweis auf Nervenschäden an den Füßen sein, im Fachjargon “diabetische Polyneuropathie” genannt. Bei schätzungsweise etwa 30 Prozent aller Menschen mit Diabetes kommt es im Laufe ihrer Erkrankung zu dieser Komplikation. [1] Doch nicht immer haben die Betroffenen eindeutige Symptome, deshalb sollten Menschen mit Diabetes die regelmäßigen Fußuntersuchungen [2] beim Hausarzt oder Diabetologen nicht verpassen.

Füße im Fokus: Diese Untersuchungen stehen an

Um die Nervenfunktion an den Füßen zu testen, überprüft die Ärztin oder der Arzt das Gefühl in den Füßen mit einer schwingenden Stimmgabel. Je länger und deutlicher man deren Vibrationen wahrnimmt, umso besser ist es um die Funktionsfähigkeit der Nerven bestellt. Daneben tastet die Ärztin oder der Arzt auch nach dem Puls an den Fußknöcheln und untersucht die Wärme- und Kälteempfindlichkeit. Ergeben sich aus diesen eher simplen Untersuchungen Hinweise auf Nervenschäden, sollten diese in einer neurologischen Praxis genauer unter die Lupe genommen werden. Dort gibt es die geeignete technische Ausstattung zur Untersuchung der Leitgeschwindigkeit der Nerven in den Füßen. Hierbei werden Elektroden auf die Haut aufgebracht und die betroffenen Nerven und Muskeln mit niedrigen und ungefährlichen elektrischen Strömen gereizt. Aus der gemessenen elektrischen Aktivität kann man die Funktionstüchtigkeit der Nerven berechnen. Bei Bedarf kann ein Neurologe auch noch weitere Spezialuntersuchungen vornehmen.

Darum ist es wichtig, den Zustand der Nerven zu kennen

Bei diabetischen Nervenschäden kann der oder die Betroffene Schmerzen oft nur eingeschränkt wahrnehmen. Kleine Verletzungen bleiben daher leichter unbemerkt. Wenn gleichzeitig auch die Durchblutung der Füße gestört ist (im Fachjargon spricht man dann von einer sogenannten “peripheren arteriellen Verschlusskrankheit”, paVK [3]), heilen Wunden schlechter, was zu weiteren Komplikationen führen kann – hierzu zählt vor allem das diabetische Fußsyndrom (“offener Fuß” bzw. schlecht heilende Wunden an Füßen oder Zehen), das im schlimmsten Fall eine Amputation von Zehen oder gar dem ganzen Fuß erforderlich machen kann.

Vorwürfe sind fehl am Platz: Niemand trägt Schuld an seiner Diagnose

Doch soweit muss es nicht kommen. Tatsächlich gilt für Nervenschäden im Grunde dasselbe wie für alle anderen diabetischen Folgeerkrankungen: Ein gewissenhaftes Diabetesmanagement, gesunde Ernährung, ausreichend körperliche Bewegung und der Verzicht auf Nikotin und Alkohol können das Risiko deutlich verringern. Auch eine ausgewogene Ernährung bzw. gezielter Einsatz von Vitaminpräparaten können helfen: So betonen Experten, dass eine Neuropathie häufig mit einem Mangel an Vitamin B1, B12 oder auch Vitamin D einhergeht. [4] Dennoch lassen sie sich nicht mit 100-prozentiger Sicherheit vermeiden. Während manche Menschen sich jahrzehntelang nicht gut um ihre Erkrankung kümmern und trotzdem niemals Folgeschäden entwickeln, werden bei anderen die Nerven schon im Frühstadium des Diabetes oder sogar bereits vor der Diagnose in Mitleidenschaft gezogen, wenn die Blutzuckerwerte noch nicht lange und auch nicht dramatisch erhöht sind. Es bringt also nichts, sich mit Schuldgefühlen zu belasten.

Wichtig zu wissen: Neuropathie ist nicht gleich der Anfang vom Ende

Je früher eine diabetische Polyneuropathie erkannt wird, desto besser lassen sich die Symptome lindern und ein Fortschreiten der Nervenschäden vermeiden. Für Menschen mit Diabetes bedeutet das vor allem, ihre Blutzuckerwerte möglichst gut in Schach zu halten. Wichtig ist es auch, die Füße regelmäßig zu inspizieren, sie regelmäßig einzucremen [5] und vor Verletzungen zu schützen. Das heißt zum Beispiel: Im Sommer lieber nicht barfuß am Strand spazieren oder vor dem Hineinschlüpfen nach kleinen Steinchen im Schuh Ausschau halten, die unbemerkt sonst zu Druckstellen und Scheuerwunden führen könnten. [6] Mit einer Neuropathie im Anfangsstadium kann man ohne große Einschränkungen ganz normal weiterleben. In der Regel wird einmal pro Jahr in der neurologischen Praxis der Verlauf gecheckt. Außerdem wird die regelmäßige medizinische Fußpflege empfohlen – im Falle einer Neuropathie übernimmt seit Anfang 2020 übrigens die gesetzliche Krankenversicherung die Kosten dafür. [7]
 

Quellen:
[1] Nationale Versorgungsleitlinie „Neuropathie bei Diabetes im Erwachsenenalter“, 2016, siehe https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/nvl-001e.html [Zuletzt abgerufen am 26.03.2021]

[2] ‚Diagnostik bei Polyneuropathien – Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie’ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, siehe https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/030-067l_S1_Diagnostik-Polyneuropathien_2020-04.pdf [Zuletzt abgerufen 26.03.2021]

[3] Informationen zur paVK gibt es zum Beispiel auf der Seite des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ), siehe https://www.patienten-information.de/kurzinformationen/pavk [Zuletzt abgerufen am 26.03.2021]

[4] Thornalley PJ et al. Diabetologia 2007 Oct;50(10):2164-70. doi: 10.1007/s00125-007-0771-4, siehe https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1998885/ [Zuletzt abgerufen am 26.03.2021]

[5] ‚Bei Diabetes Füße gut pflegen und Verletzungen vorbeugen’, Pressemitteilung von DiabetesDE vom 28.6.2017, siehe https://www.diabetesde.org/pressemitteilung/diabetes-fuesse-gut-pflegen-verletzungen-vorbeugen [Zuletzt abgerufen am 26.03.2021]

[6] ‚Diabetischem Fußsyndrom und Amputation durch Rauchverzicht und gute Pflege vorbeugen’, Pressemitteilung von DiabetesDE vom 31.5.2019, siehe https://www.diabetesde.org/pressemitteilung/diabetischem-fusssyndrom-amputation-rauchverzicht-gute-pflege-vorbeugen [Zuletzt abgerufen am 26.03.2021]

[7] ‚Podologische Therapie künftig nicht nur beim diabetischen Fuß’, Praxisnachricht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vom 20.2.2020, siehe https://www.kbv.de/html/1150_44329.php [Zuletzt abgerufen am 26.03.2021]