Welche Erkenntnis Lisa gewann, nachdem sie aus dem Koma erwachte

Insulin-Purging: Der erste Schritt zur Besserung

Nachdem Lisa absichtlich auf Insulin verzichtet hatte, um abzunehmen, landete sie im Krankenhaus. Welche Gedanken ihr im Kopf herumschwirrten, als sie wieder bei Bewusstsein war, und was sie daraus gelernt hat, erzählt sie hier auf sehr eindrückliche Weise.

Das große Erwachen: Lisa geht mit ihrem Diabetes nun verantwortungsvoller um
Das große Erwachen: Lisa geht mit ihrem Diabetes nun verantwortungsvoller um

Lesen Sie hier, wie Lisa mit Insulin-Purging begann

Als ich die Augen öffnete, sah ich einen fremden Mann. Aber ich war so müde, dass ich meine Augen einfach wieder schloss und weiterschlief. Ich glaube, das passierte einige Male, bevor ich es schaffte, meine Augen offen zu halten. Ab da realisierte ich auch endlich, dass ich nicht mehr zu Hause in meinem Bett lag.

Alles sah verdächtig nach Krankenhaus aus und es roch auch danach. Fahrig tastete ich mit meinen Händen an meinem Körper entlang. An beiden Händen hatte ich Infusionen, einen Sauerstoffschlauch in der Nase, den Herzmonitor auf der Brust, einen Katheter im Genitalbereich und – keine Anziehsachen. Ich schaute mich weiter um, fand nichts von meinen Sachen und wurde panisch.

In dem Moment kam auch schon der Mann, den ich, wie in einem Traum über mich gebeugt, schon ein paarmal wahrgenommen hatte. Ich glaube, er sah meine Angst, denn er fing gleich an zu sprechen: „Hallo Lisa, schön, dass du wieder bei uns bist. Jetzt wird alles gut. Wir kümmern uns gut um dich.“ „Bin ich im … Krankenhaus?“ „Ja, du bist hier bei mir auf der Intensivstation. Du bist umgekippt. Wir wussten nicht, ob du zurückkommst … Möchtest du etwas trinken?“ „Meine Eltern …“ „Die wissen schon Bescheid.“

Das war der Moment, in dem ich richtig panisch wurde. Ich schaffte es, eins und eins zusammenzuzählen. Ich lag auf der Intensivstation, mit gefühlt 10.000 Kabeln an mir. Sie wussten nicht, ob ich aufwachen würde und meine Eltern wussten davon. Oh mein Gott! Ich musste ihnen sofort sagen, dass ich wach war!

Lebenszeichen

„Ich muss meine Eltern anrufen!“ „Es ist nach 1 Uhr nachts …“ „Das ist egal, die sind wach.“ „Okay, ich hole Dir das Telefon, die Nummer ist schon eingespeichert.“ Er wählte und reichte mir das Telefon. Ich war immer noch total benommen, meine Augen fielen immer wieder zu. Aber ich musste meinen Eltern Bescheid sagen. 

Meine Mutter nahm ab, sie hatte noch nicht geschlafen, das hatte ich mir gedacht. Ich hörte die Erleichterung in ihrer Stimme. „Sollen wir vorbeikommen? Ich wollte eigentlich schon losfahren, aber der Arzt meinte zu uns, dass wir sowieso nichts tun könnten. Dass wir jetzt alle nur warten können und es auch reicht, wenn wir morgen früh da sind.“ „Ja, ja, ich bin jetzt wach. Aber ihr müsst jetzt nicht kommen. Ich schlafe gleich sowieso wieder ein. Aber es wäre schön, wenn ihr morgen hier sein würdet.“ „Ja, natürlich. Schön deine Stimme zu hören.“

Lisa während ihrer Insulin-Purging-Phase
Dass Lisa über ihre Insulin-Purging-Phase schreibt, hilft ihr – und kann auch andere Menschen mit Diabetes und ihre Angehörigen unterstützen.

Ich legte auf und der Pfleger brachte mir etwas zu trinken. „Ich habe hier stilles Wasser für dich. Etwas anderes kannst du wahrscheinlich gerade nicht trinken. Deine Speiseröhre ist verätzt.“ 

Ich verstand erst einmal nichts, aber das war mir auch egal. Als ich einen kleinen Schluck Wasser trank, brannte es so schlimm in meiner Kehle, dass ich das Glas erschrocken wegstellte. Danach schlief ich sofort wieder ein.

Sorgenvolle Blicke

Als ich am nächsten Morgen die Augen öffnete, saß meine Mama an meinem Bett. Der Blick in ihr Gesicht war das Schlimmste an dieser Sache. Und auch meinen Papa anzusehen, machte es nicht einfacher. Ich kannte diese Blicke, ich hatte sie bisher einmal in meinem Leben gesehen, als mein Bruder starb, und seitdem hatte ich alles versucht, diese Blicke nie wieder sehen zu müssen.

Jetzt waren sie wieder da und es war ganz allein meine Schuld. In dem Moment änderte sich alles. In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken: „Was hast du getan? Wie konntest du nur so blöd und verantwortungslos sein? Wusstest du nicht, was hätte passieren können? Natürlich wusstest du es – und du hast trotzdem kein Insulin gespritzt. Nur deswegen sind wir alle hier.“

Wenig später kam auch meine beste Freundin zu mir, die mich noch am Tag zuvor bewusstlos in meinem Bett vorfand. Sie rief den Krankenwagen, fuhr mit mir mit ins Krankenhaus und blieb solange, bis die Ärzte sie wegschickten.

Sie brach sofort in Tränen aus und auch ich musste weinen. Auch das war ganz allein mein Verdienst. Mir war egal, was ich mir selbst angetan hatte, aber zu sehen, was ich den Menschen angetan hatte, die mich liebten, war unerträglich.

Der Entschluss

Ich schwor mir, wenn ich aus dem Krankenhaus raus bin, werde ich alles ändern. Ich werde mich um meinen Diabetes kümmern, meinen Blutzucker messen und spritzen. So wie es sein muss.

Nach zwei Wochen durfte ich das Krankenhaus verlassen, unter einer Bedingung: Ich musste noch am selben Tag zu einer Diabetologin. Das Krankenhaus machte mir einen Termin und organisierte mir einen Fahrer, der mich abholen, nach Hause fahren und wenig später zur Diabetologin fahren sollte.

Die Diabetologin war sehr verständnisvoll, machte mir aber auch klar, was für Arbeit auf mich zukommen würde. Zusammen erarbeiteten wir für mich einen neuen Therapieplan. Ich musste alle paar Tage vorbeikommen. Wenig später entschloss ich mich selbst für eine Psychotherapie und dazu, einen Blog über meine Geschichte zu schreiben.

Rückblick

Heute, drei Jahre später, gibt es Momente, in denen die alten Gedanken zum Insulin-Purging zurückkommen. Aber meine Therapie, meine Diabetologin, meine Freunde und Familie und auch mein Blog helfen mir mit diesen Gedanken anders umzugehen. All das hilft mir, sie zu reflektieren und zu analysieren und etwas gegen sie zu tun. Ich würde nicht sagen, dass ich geheilt bin, aber die Offenheit, über all das zu sprechen, hilft mir heute gegen meine bösen Gedanken zu kämpfen.

Ich rate jedem, der hin und wieder mit diesen bösen Dämonen zu kämpfen hat, darüber zu reden, offen zu sein und sich Hilfe zu holen. Schämen muss sich dafür niemand. Ihr glaubt gar nicht, wie vielen Menschen mit Diabetes es so geht. Wichtig ist jedoch, dass man selbst erkennt, dass etwas schiefläuft und dass man selbst etwas ändern möchte.

Meine erste Psychotherapie verweigerte ich, da ich einfach nicht bereit dazu war. Ich erkannte nicht, dass ich wirklich ein Problem hatte. So ließ ich mir auch nicht helfen. Das Gerede der Ärzte und meiner Familie gingen zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Ich selbst habe wohl diesen heftigen „Arschtritt“ benötigt, um zu erkennen, dass ich ein Problem habe. Gerade deswegen versuche ich über das Thema aufzuklären, damit andere es vielleicht früher erkennen als ich selbst.

Der nächste Schritt ist dann, sich Hilfe zu holen und diese Hilfe anzunehmen. Auch als Mensch mit Diabetes kann man wie ein stoffwechselgesunder Mensch abnehmen. Auf ganz normalem und gesundem Weg. Man darf aber auch nicht vergessen, dass der Hauptgrund für so ein Verhalten in der Psyche verankert liegt und dass es wichtig ist, hier anzusetzen und herauszufinden, woher die Probleme rühren.