Grünes Licht für gesunde Lebensmittel

Was steckt hinter dem Nutri-Score?

20.11.2020 / #meinbuntesleben Redaktion
Eine grüne Ampel vor blauem Himmel.
Der Nutri-Score funktioniert nach dem Ampel-Prinzip und zeigt so auf einen Blick, wie es um die Nährwerte eines Lebensmittels steht.

Rot steht für einen hohen Zucker-, Salz- oder Fettgehalt von Lebensmitteln, die Farbe Grün signalisiert eine gesunde Zusammensetzung. Der Nutri-Score funktioniert nach dem Ampelprinzip und soll Verbrauchern helfen, Lebensmittel innerhalb einer Produktgruppe zu vergleichen.

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Die mehrstufige Farb- und Buchstabenkombination zum Vergleich von Produkten kennt man in anderen Branchen schon seit vielen Jahren: Bei Elektrogeräten etwa signalisiert ein „A“ auf grünem Grund einen geringen Energieverbrauch, während Stromfresser mit einem „G“ auf rotem Grund gekennzeichnet werden. Weil die Zahl der Menschen mit Übergewicht in Deutschland immer weiter ansteigt, fordern Verbraucherorganisationen und medizinische Fachgesellschaften seit vielen Jahren eine ähnliche Einordnung auch bei Lebensmitteln in Form einer Nährwertampel. Die hiesige Lebensmittelindustrie und auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) sperrten sich lange Zeit gegen eine Lebensmittelkennzeichnung nach dem Ampelprinzip[1]. Doch nach einer bundesweiten Umfrage des Ministeriums war im September 2019 klar, dass die Mehrheit der Verbraucher sich eine erweiterte Nährwertkennzeichnung auf der Verpackungsvorderseite von Lebensmitteln in Form eines Nutri-Score wünscht.[2] Mittlerweile hat das Bundeskabinett eine entsprechende Verordnung verabschiedet[3], noch 2020 sollen Produkte nach dem Ampelprinzip gekennzeichnet werden.[4]

Leichter abnehmen, Blutzucker und Blutdruck in Schach halten

Für Menschen mit Typ-2-Diabetes oder einem hohen Risiko für diese Stoffwechselerkrankung ist das eine gute Nachricht. Denn der Nutri-Score macht es einfacher, beim Einkaufen auf den ersten Blick ungünstige von günstigen und gesunden Lebensmitteln zu unterscheiden – und eine Auswahl zu treffen, mit der es leichter gelingt, abzunehmen und Blutzucker sowie Blutdruck in Schach zu halten. Diabetesorganisationen wie DiabetesDE[5] und die Deutsche Diabetes Gesellschaft[6] sind deshalb froh über die Einführung der Kennzeichnung. Auch die Verbraucherzentrale lobt den Nutri-Score als Instrument, mit dem sich die schlimmsten Fettfallen und Zuckerbomben schnell erkennen lassen.[7] Nicht ganz so begeistert sind die Organisationen allerdings darüber, dass die Kennzeichnung mit dem Nutri-Score freiwillig erfolgen soll. Nur die EU könnte aktuell eine verpflichtende Kennzeichnung vorschreiben, betont die Verbraucherzentrale. Sie setzt sich deshalb für ein einheitliches, europaweites System ein, das für alle Hersteller verpflichtend ist.[8]

So funktioniert die fünfstufige Farbskala von A bis E

Der Nutri-Score besteht aus einer fünfstufigen Farbskala mit Buchstaben (A bis E). Dabei steht das „A“ auf grünem Grund für die günstigste und „E“ in Rot für die ungünstigste Nährwertbilanz. Die Bewertung erfolgt auf Basis der Nährwertangaben für 100 Gramm beziehungsweise 100 ml bei Getränken und Suppen. Zur Berechnung wird die Menge bestimmter Inhaltsstoffe eines Lebensmittels ermittelt und miteinander verrechnet.[9] Negativ wirkt sich ein hoher Gehalt von problematischen Bestandteilen wie Fett, gesättigten Fettsäuren, Salz, Zucker und ein insgesamt hoher Energiegehalt aus – dann wandert der Farbregler in Richtung „E Rot“. Enthält ein Lebensmittel viele günstige Bestandteile wie Ballaststoffe, Proteine, Obst, Gemüse oder Nüsse, verschiebt er sich in Richtung „A Grün“.

Vorteil: Einfache und schnelle Orientierung

Der Nutri-Score ist leicht verständlich und bietet schnelle Orientierung. Weil sich die Ampel immer auf 100 Gramm bzw. 100 Milliliter eines Lebensmittels bezieht, lassen sich verschiedene Produkte leicht vergleichen – vor allem gleichartige Produkte bzw. Sorten verschiedener Marken, zum Beispiel Fruchtjoghurts oder Kekse. Die Befürworter der Kennzeichnung argumentieren, dass sich mit dem Nutri-Score der gesundheitliche Wert eines Lebensmittels einfacher beurteilen lässt. Außerdem setzen sie Hoffnung darauf, dass Hersteller ihre Rezepte verändern und auf günstigere Nährwerte setzen, um eine negative Bewertung durch den Nutri-Score zu vermeiden.

Nachteil: Nur aussagekräftig bei stark verarbeiteten Lebensmitteln

Der Nutri-Score weist keine einzelnen Nährwerte aus. Wer z. B. als Mensch mit Diabetes den Kohlenhydratgehalt im Blick behalten muss, muss trotz Nutri-Score weiterhin die kleingedruckte Nährwert-Tabelle und das Zutatenverzeichnis auf der Verpackungsrückseite studieren. Inhaltsstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe, ungesättigte Fettsäuren, berücksichtigt der Nutri-Score ebenfalls nicht. Außerdem bietet das Label keine Information darüber, in welchen Mengen man das gekennzeichnete Produkt verzehren sollte. Außerdem eignet sich der Nutri-Score in erster Linie für komplex zusammengesetzte und stark verarbeitete Lebensmittel wie Fertiggerichte, von denen eigentlich per se eher abgeraten wird. Auf Produkten, die nur aus einer Zutat bestehen, ist er hingegen nicht in jedem Fall sinnvoll: So würde z. B. Olivenöl, das von Experten für eine gesunde Ernährung seit Jahren empfohlen wird, wegen seines naturgemäß hohen Fettgehalts beim Nutri-Score schlecht abschneiden. Auch unverarbeitete, frische Lebensmittel lassen sich mit dem Label nicht bewerten[10] – dabei sollten sie immer erste Wahl in einer gesunden und ausgewogenen Ernährung sein. Kritiker wie die Organisation Foodwatch befürchten darüber hinaus, dass die Lebensmittelindustrie versuchen könnte, durch politische Lobbyarbeit die Berechnungsgrundlagen des Nutri-Score zu beeinflussen.[11] Dann würden auch Produkte als unbedenklich eingestuft, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen eben nicht zu einer gesunden Ernährung beitragen.

Ausgewogene Ernährung ohne Fertigprodukte

Der Nutri-Score kann also helfen, beim hektischen Einkauf im Supermarkt Fertigprodukte zu finden, die eine günstigere Nährstoffzusammensetzung haben als andere. Doch am besten ist und bleibt es, möglichst viele unverarbeitete, frische Lebensmittel einzukaufen und selbst ausgewogene Mahlzeiten zuzubereiten. Tipps zur ausgewogenen Ernährung bei Diabetes gibt es übrigens auch hier auf #meinbuntesleben!

 

[1] Quelle: „Wie Ministerin Klöckner die Lebensmittelampel behindert“, Spiegel Online vom 29.4.2019 https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/wie-julia-kloeckner-den-nutri-score-behindert-a-1264665.html [zuletzt abgerufen am 16.9.2020]

[2] Quelle: Pressemitteilung des BMEL vom 30.9.2019 https://www.bmel.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2019/197-erweiterte-naehrwerkennzeichnung.html [zuletzt abgerufen am 16.9.2020]

[3] Quelle: Pressemitteilung des BMEL vom 19.8.2020 https://www.bmel.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2020/137-nutri-score-kennzeichnung.html [zuletzt abgerufen am 16.9.2020]

[4] Quelle: „Nutri-Score Nährwertampel startet spätestens im November“, Spiegel Online vom 19.8.2020 https://www.spiegel.de/wirtschaft/naehrwertampel-startet-spaetestens-im-november-a-5b8bcb52-d72f-41df-a499-650c62e9562e [zuletzt abgerufen am 16.9.2020]

[5] Quelle: Pressemitteilung von DiabetesDE vom 30.9.2019 https://www.diabetesde.org/pressemitteilung/nutriscore-eindeutiger-sieger [zuletzt abgerufen am 16.9.2020]

[6] Quelle: Pressemitteilung der DDG vom 1.10.2019 https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/presse/julia-kloeckner-fuehrt-den-nutri-score-ein-ein-statement-der-ddg [zuletzt abgerufen am 16.9.2020]

[7] Quelle: Information der Verbraucherzentrale vom 20.8.2020 https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/kennzeichnung-und-inhaltsstoffe/entscheidung-fuer-den-nutriscore-naehrwertkennzeichnung-kommt-2020-36561 [zuletzt abgerufen am 16.9.2020]

[8] Quelle: Information der Verbraucherzentrale vom 20.8.2020 https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/kennzeichnung-und-inhaltsstoffe/entscheidung-fuer-den-nutriscore-naehrwertkennzeichnung-kommt-2020-36561 [zuletzt abgerufen am 16.9.2020]

[9] Quelle: Verbraucherzentrale Hamburg, Oktober 2019 https://www.vzhh.de/sites/default/files/medien/134/dokumente/2019-10_Verbraucherzentrale-Hamburg_Fragen-und-Antworten-zum-Nutri-Score.pdf [zuletzt abgerufen am 16.9.2020]

[10] Quelle: Information von DiabetesDE (undatiert) https://www.diabetesde.org/so-hilft-ihnen-nutri-score-auswahl-gesunder-verpackter-lebensmittel [zuletzt abgerufen am 16.9.2020]

[11] Quelle: Nachricht von Foodwatch vom 16.7.2020 https://www.foodwatch.org/de/aktuelle-nachrichten/2020/so-versucht-die-lebensmittel-lobby-den-nutri-score-zu-verwaessern/ [zuletzt abgerufen am 16.9.2020]