Diabetes im Alter

Die Lebensqualität steht im Vordergrund

14.07.2020 / #meinbuntesleben Redaktion
Älterer Mann und ältere Frau sitzn auf einer Bank.
An erster Stelle steht bei älteren Menschen mit Diabetes die Lebensqualität, so die aktuelle Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft.

Perfekte Blutzuckerwerte müssen nicht immer das A und O der Diabetestherapie sein: Die aktuelle Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft nimmt bei älteren Menschen vielmehr die Lebensqualität, das Vermeiden von Unterzuckerungen und die Unabhängigkeit der Menschen in ihrem Alltag in den Blick.

Rund drei Millionen Menschen mit Diabetes in Deutschland sind älter als 65 Jahre. Von den über 80-Jährigen ist hierzulande etwa ein Drittel von Diabetes betroffen. Seit einigen Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler und Ärzte daher verstärkt mit der Frage, wie eine gute und sichere Diabetestherapie aussehen muss, wenn die Betroffenen das Renteneintrittsalter schon hinter sich gelassen haben. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) hat deshalb Praxisempfehlungen erarbeitet, in denen sie die Therapieziele bei älteren Menschen mit Diabetes – vor allem Typ-2-Diabetes – darstellt.

Lebensqualität erhalten und Hypoglykämien vermeiden

An erster Stelle steht demnach die Lebensqualität der Betroffenen. Was wünschen sie sich für ihr Leben? Welche Aktivitäten sind ihnen besonders wichtig? Wie können sie ihrem Diabetes im Alltag gerecht werden? An diesen Fragen sollten Ärzte die Diabetestherapie ausrichten und dabei besonders die Therapieformen im Blick haben, mit denen sich Unterzuckerungen vermeiden lassen. Schließlich sind Hypoglykämien für ältere Menschen besonders gefährlich: Ihre Anzeichen können sich im Alter verändern, sodass niedrige Zuckerwerte häufig erst spät bemerkt werden. Wenn ein älterer Mensch dann nicht mehr ganz so sicher auf den Beinen ist, kann er bei einer Unterzuckerung leicht stürzen und sich verletzen. Wie die DDG betont, sind Hypoglykämien die zweithäufigste Ursache für arzneimittelbedingte Notaufnahmen älterer Menschen in Krankenhäusern. Sie treten am häufigsten bei einer Behandlung mit Mahlzeiteninsulin, Basalinsulin oder Medikamenten auf, welche die Insulinausschüttung anregen (z. B. Sulfonylharnstoffe).  Bei anderen Diabetesmedikamenten ist das Risiko für Unterzuckerungen deutlich niedriger. Besonders gefährdet sind ältere Menschen mit Begleiterkrankungen, langer Diabetesdauer und kognitiven Einschränkungen: ein 70-jähriger Mann etwa, der schon seit 30 Jahren mit Diabetes lebt, Blutdruck-Medikamente einnimmt und bei dem erste Schädigungen der Gefäße vorliegen.

Zielkorridore statt starrer HbA1c-Ziele

Lange Zeit hieß es auch für ältere Menschen mit Diabetes, der Langzeitwert solle möglichst unter sieben Prozent liegen – wie auch bei Jüngeren. Heute empfehlen die Fachgesellschaften abgestufte Therapieziele. Eine mögliche Einteilung hierfür sind die Alltagsfunktionen der Menschen, also wie selbständig sie sich noch in ihrem Alltag bewegen können:

  • Als „funktionell unabhängig“ gelten dabei ältere Menschen mit Diabetes, die kognitiv nur wenig eingeschränkt und körperlich beweglich sind, sodass sie ihren Alltag gut bewältigen können. Für sie wird als Therapieziel ein HbA1c-Wert von unter 7,5 Prozent empfohlen.
  • Als „funktionell leicht abhängig“ werden ältere Menschen mit Diabetes eingestuft, wenn sie körperlich sowie kognitiv eingeschränkt sind und auch geriatrische Symptome (z. B. Sturzgefahr) aufweisen. Bei ihnen gilt ein HbA1c-Wert von unter 8,0 Prozent als erstrebenswert.
  • Als „funktionell stark abhängig“ sieht man ältere Menschen mit Diabetes an, die in ihren Alltagsfunktionen körperlich und kognitiv stark eingeschränkt sind und deren Lebenserwartung bereits stark verkürzt ist (z. B. wegen einer schweren Erkrankung im Endstadium). Hier liegt das Therapieziel bei einem Hba1c-Wert von unter 8,5 Prozent.


Neben dem Diabetes liegen oft weitere Erkrankungen vor

Doch die Diabetestherapie in der Altersgruppe 75 plus geht über die bloße Kontrolle des Blutzuckers weit hinaus. Schließlich kommen bei ihnen oft weitere gesundheitliche Probleme hinzu: Typische „Altersleiden“ wie Schwindel, oder, Schlafstörungen treffen auf alles, was der Diabetes verursacht oder fördert. Hierzu zählen Gefäßveränderungen oder verringertes Sehvermögen. Deshalb gleicht die Diabetestherapie im Alter einem Balanceakt: Welche Medikamente vertragen sich miteinander? Welche sollten besser abgesetzt werden, um unerwünschte Wechselwirkungen zu vermeiden?

Es gibt noch viel zu tun!

Für viele Menschen mit Diabetes gehören technische Hilfsmittel zum Diabetesmanagement längst zum Alltag. Mittlerweile sind auch Modelle speziell für Ältere auf dem Markt: So gibt es seniorengerechte Blutzuckermessgeräte oder Insulin-Pens. Die DDG weist in ihren Praxisempfehlungen auch auf Defizite im Pflegebereich hin. Zwar haben mindestens 25 bis 30 Prozent der älteren Menschen, die durch Pflegeeinrichtungen, ambulante Dienste, Heime und Kliniken betreut werden, Diabetes. Trotzdem gibt es nur in wenigen dieser Einrichtungen Fachkräfte, die für die Behandlung von Menschen mit Diabetes speziell geschult sind. Die Fachgesellschaft setzt sich deshalb dafür ein, dass Pflegekräfte sich bezüglich Diabetestherapie weiterbilden.        

Die Diabeteswelt orientiert sich also in vielen Punkten schon an den Bedürfnissen älterer Menschen – doch es gibt auch noch viel zu tun, damit Menschen mit Diabetes im Alter ihre individuellen Therapieziele erreichen können.