Lauf zwischen den Meeren 2016 I: „Na, Insulin schon alle?“

Ein Staffellauf von Nord- zur Ostsee: Sascha von sugartweaks.de war mit dem Team "Powered by Insulin" dabei!

15.07.2016 / Sascha_sugartweaks
Diabetes und Sport: powered-by-insulin
Diabetes und Sport gemeinsam als Team erleben: "Powered by Insulin" beim Lauf zwischen den Meeren

Seit vier Jahren mischt "Powered by Insulin" bei dem 100 Kilometer-Etappenlauf von Küste zu Küste mit. Alle Läufer haben Typ-1 Diabetes, drei von ihnen berichten auf #meinbuntesleben von ihrem Lauf 2016 – und ihren Erfahrungen mit Diabetes und Sport. Die Startposition hat Sascha von sugartweaks.de.

Lauf zwischen den Meeren 2016 – ich war wieder dabei

Der Lauf zwischen den Meeren ist ein Staffellauf von Husum an der Nordsee bis nach Damp an der Ostsee, der jedes Jahr Ende Mai/Anfang Juni stattfindet. Es gilt als Team die in 10 Etappen unterteilte Strecke von knapp 100 Kilometern zurückzulegen. Die Etappen sind zwischen 7 und 12 Kilometer lang. Jedes Jahr nehmen ca. 700 Teams teil. Angefangen vom Amateur-Lauftreff über Firmen-Teams bis hin zu Profi-Läufern ist alles vertreten. Und seit nunmehr vier Jahren eben auch eine Truppe die rein aus Typ-1 Diabetikern besteht. Das Team "Powered by Insulin" Seit vier Jahren lässt mich der Ruf des Teams also Dinge tun, die ich normalerweise nicht tue. Nämlich laufen. Unter normalen Umständen bin ich eher der Typ, der dem Laufsport so gar nichts abgewinnen kann. Es mag Leute geben, für die das Laufen das höchste aller Gefühle ist und die uns Nichtläufern häufig so komische Dinge über Glücksgefühle, Endorphindusche oder das „Runners High“ weismachen wollen. Wenn man denen aber entgegnet „Mhh … hatte ich noch nie“ kommt meist die Antwort, dass man dann wohl noch nicht genug gelaufen sei. Von mir aus .

Vor ca. 5 Jahren tauschte ich mich regelmäßig mit anderen Diabetikern via Twitter aus und war total begeistert über die dort schon recht aktive Diabetes Community (#DOC). Damals erzählte mir Ilka von mein-diabetes-blog.com von dem Vorhaben, mit ihrer Hamburger (Diabetiker) Laufgruppe am Lauf zwischen den Meeren teilzunehmen. Ich fand die Aktion irgendwie cool und fragte, ob ich nicht mitmachen könne. Leider waren zunächst schon alle Plätze belegt. Sollte wider Erwarten ein Läufer ausfallen bzw. absagen, möge Ilka mir bitte Bescheid sagen. Unverhofft kommt oft und eines Tages trat genau das ein. Ilka nahm mich beim Wort und ich sagte zu. Also fing ich an, das Laufen zu üben, und zu üben, das Laufen geil zu finden. Beides gelang mir einigermaßen.

Diabetes und Sport – Laufen üben

Laufen üben ist in diesem Zusammenhang in doppelter Hinsicht wörtlich gemeint. Denn sportlich fit war ich zu der Zeit nicht. Und dann war da ja noch die Sache mit dem Diabetes. Kann ich, sollte oder darf ich mit Typ-1 Diabetes überhaupt Sport machen?? Und wenn ja, wie gehe ich das an? Zu der Zeit war ich noch mit Insulinpens und Tagebuch (bzw. der mysugr Tagebuch App) unterwegs. Ich brauchte eine ganze Weile bis ich herausfand, wie mein Körper und damit einhergehend mein Blutzucker auf unterschiedlich intensive Laufeinheiten reagieren, und wie ich meine Insulindosierung darauf abstimmen kann. Auch wenn mir das Prinzip zwar klar war, war es doch nicht mal eben so in die Tat umgesetzt. Schon gar nicht mit Pens. Das war auch der Zeitpunkt, an dem mir klar wurde, dass mein Diabetes auch in diesem Punkt anders als bei anderen tickt. Von daher gebe ich hier auch keine Musteranleitung von mir, sondern rate jedem das für sich selbst rauszufinden. Man könnte sagen, für Diabetiker ist das der eigentliche Sport beim Sport. Lange Rede kurzer Sinn: Irgendwann hat es auch bei mir soweit funktioniert, dass ich die mir vom Team zugeteilte Strecke sicher und ohne großartige Blutzuckerdramen laufen konnte. Seitdem durfte ich mittlerweile zum vierten Mal den Lauf zwischen den Meeren mit Powered by Insulin bestreiten. Ein passionierter Läufer bin ich zwar immer noch nicht geworden, aber dennoch motiviert mich die Aussicht auf ein tolles sportliches Wochenende mit anderen Diabetikern jedes Jahr dazu, den Hintern hoch zu kriegen. Warum das so ist, hab ich auf sugartweaks.de beschrieben.

Der Lauf zwischen den Meeren 2016

In diesem Jahr war meine Laufetappe die gleiche wie bei meiner ersten Teilnahme vor 4 Jahren. Es galt 7,1 Kilometer von Gammelby nach Gut Hemmelsmark zu laufen. Gut war zum einen, dass diese Etappe eine der kürzeren des LZDM ist und zum anderen, dass ich die Strecke schon kannte und daher recht gut einschätzen konnte was mich erwartet.

Am Tag des Laufes brachte mich Manuela (Typ-F Diabetes) zusammen mit Team-Kollegen Finn zu unserem Startpunkt nach Gammelby. Erfreulicherweise blieb das Verkehrschaos rund um die Wechselzonen in diesem Jahr recht überschaubar. Dadurch waren wir schon recht früh vor Ort. Nachdem Manu uns abgesetzt hatte, hieß es für Finn und mich erst mal warten. Da um so einen Wechselpunkt ja immer reges Treiben herrscht und die Organisatoren und Anwohner immer einiges an Leckereien und Entertainment auf die Beine stellen, verging die Zeit recht schnell. Mein Blutzucker lag zu dieser Zeit bei satten 236 mg/dl. Ich hatte am Morgen beim Frühstück wohl vergessen, Insulin abzugeben, was ich aber später bemerkt und entsprechend korrigiert habe. Nach unseren Berechnungen sollte es noch etwas mehr als eine Stunde dauern, bis der Läufer unseres Teams in Gammelby eintreffen würde, und so wie es sich bis dahin abzeichnete, sollte das der Läufer von Team 1 sein. Also würde Finn voraussichtlich als erster von uns den Staffelstab übernehmen und Richtung Gut Hammelmark starten. Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte dann Dietmar von Team 1 am Horizont auf, übergab den Staffelstab an Finn, der damit dann auch sofort los wetzte. Mir blieb nun noch ein wenig Zeit, um mit Dietmar zu plaudern bis auch Lynn aus meinem Team in Gammelby ankam und mich auf die Strecke schickte.
Die Strecke verlief zu großen Teilen über Landstraßen entlang von Rapsfeldern und Windrädern. Hin und wieder über eine Allee. Das war dann eine willkommene Abwechslung, denn die Bäume sorgten dann für ordentlich Schatten. Nach wenigen Minuten hatte ich mein Wohlfühltempo gefunden und trabte gedankenverloren vor mich hin, bis mich meine Lauf- App darauf hinwies, dass ich etwas zu schnell unterwegs sei. Ich drosselte also das Tempo ein wenig. Ein ganzes Stück vor mir konnte ich einen Läufer sehen, der immer wieder Gehpausen einlegte. Und ich dachte mir: „Den kriegst Du aber“. Tatsächlich gelang mir das auch. Irgendwann später meldete sich meine App wieder und informierte mich, dass ich nun knapp die Hälfte der Strecke hinter mir hatte. Als dann ein Streckenschild am Straßenrand auftauchte, welches mir dasselbe verkündete, meldete sich sogleich der innere Schweinehund. „Komm Sascha, du bist eh zu schnell unterwegs und die Hälfte haste schon geschafft … gönn dir doch auch mal ne Gehpause“.


„Na, Insulin schon alle?“

Als nach einer Kurve dann auch noch eine Steigung auftauchte, dachte ich bei mir: „ Warum eigentlich nicht“ und ging ein Weile. Das rächte sich allerdings sofort. Aus dem Nichts rauschte auf einmal ein Läufer, geschätzt so Anfang 60, in einem Affentempo an mir vorbei. Das wäre jetzt nicht so schlimm gewesen, hätte er mir im Vorbeilaufen nicht noch „Na, Insulin schon alle?“ zugerufen. Je mehr ich mich über diesen Spruch ärgerte, umso mehr wuchs mein Ehrgeiz, diesen vorlauten Vertreter seiner Altersklasse wieder einzuholen und ich rannte wieder los. Es dauerte laaaange bis ich auch nur in die Nähe des rasenden Rentners kam. Immer wenn ich dachte „gleich haste ihn“, schaffte er es noch eine Schippe Tempo zuzulegen. Irgendwann bemerkte er, dass ich ihm auf den Fersen war und drehte sich häufig um. Mir kam die nächste lange Steigung zu Gute, denn der Bursche wurde langsamer und legte immer wieder kurze Gehpausen ein. Mir war definitiv auch danach zu Mute, dachte mir aber: „Wenn der geht, musst du laufen“. Dieses Schauspiel zog sich so nun den ganzen Berg hoch. Zum Ende hin konnte ich gar nicht mehr genau sagen, ob er nur vor mir her ging oder lief. Jedenfalls schaffte ich es irgendwann den vorlauten Raser, der fast nur noch vor mir her stolperte, im Stechschritt gehend und mit dem wohl angestrengtesten breiten Grinsen ever zu überholen. Der Berg war erklommen, und es ging eine Weile bergab. Beflügelt von meinem Überholmanöver rannte ich den leichten Hang hinunter.

 

Sascha und Finn nach dem Lauf zwischen den Meeren
Sport-KE und gute Laune nach dem Lauf: Sascha und Finn

Sport-KE und gute Laune nach dem Lauf: Sascha und Finn

Nur noch einen (langen) Kilometer

An einer Kreuzung tauchte ein Streckenposten auf der mir zurief „Hast es gleich geschafft, nur noch einen Kilometer“. Wie wir alle wissen, ist der letzte Kilometer immer der, der einem am längsten erscheint und so war es auch dieses Mal. Auf der letzten Anhöhe zum Gut Hemmelmark musste ich noch einmal die Zähne zusammenbeißen, dann sah ich die Wechselzone und Finn, der mir ein Stück entgegen gelaufen war. Kaum in der Wechselzone angekommen, übergab ich den Staffelstab an Jana. Dann brauchte ich erst mal etwas zu trinken und Zeit durchzuatmen. Meine App verkündete mir, ich sei die 7,1 Kilometer mit einer Pace von 6:30 min/km gelaufen. In der Regel liegt diese so bei 7 min/km. Ich war zufrieden mit mir. Nun blieb noch die Blutzuckerkontrolle. 69 mg/dl war nun etwas niedriger als ich vermutet hatte, also aß ich 2 Bananen. Dann machten Manuela, Finn und ich uns auf den Weg nach Damp, um gemeinsam mit den anderen die Läufer der Zieletappe in Empfang zu nehmen und mit ihnen ins Ziel zu laufen. Als ich knapp eine Stunde später noch einmal meinen Blutzucker checkte, lag dieser bei knapp 110 mg/dl. Zur Sicherheit aß ich noch 1,5 BE Traubenzucker, bevor es zurück in unser Basecamp nach Holzdorf, zur "Powered by Insulin After Run Party" ging.