Bine Maya feiert ihr 25jähriges Diabetes-Jubiläum. Vor allem feiert sie ihre Mutter!

Diabetes und Panikattacken #2

Kindheit mit Diabetes gemeinsam gemeistert: Maya und Mama.

Was ist das bloß, mit dieser Panik? Warum scheint sie so viele Diabetiker und Diabetikerinnen heimzusuchen? Die Reaktionen auf meine Geschichte vom 16.01.2017 waren überwältigend! Ich bin erfreut, schockiert, gerührt und gefordert. Ich habe mich in den letzten Monaten sehr intensiv damit beschäftigt, welche Parallelen zwischen den verschiedenen Geschichten zu ziehen sind, und was die Gründe dafür sind, dass diese Panik Einzug in so viele Herzen und Köpfe hält.

Ich stellte fest, dass es fast so viele Auslöser gibt, wie Menschen auf diesem Erdball. Es ist kaum möglich, alles in einem zusammenzufassen. Dennoch habe ich mir Gedanken über eine mögliche Strukturierung gemacht und arbeite daran eifrig weiter.

Diabetiker mit Panik, Diabetiker ohne Panik und Paniker ohne Diabetes

Natürlich gibt es Angsterkrankungen auch bei Nichtdiabetikern. Die Wirkung ist dieselbe und dennoch müssen bei der Anamnese und in der Behandlung deutliche Unterschiede gemacht werden. Ich unterhielt und unterhalte mich mit allen möglichen Patienten: Darunter befinden sich Diabetiker mit Panik, Diabetiker ohne Panik und Paniker ohne Diabetes. Diese Arbeit ist hochspannend und sehr umfänglich. Ich überlege daher, die Ergebnisse dieser Recherche in einem Buch zusammenzufassen und zu veröffentlichen. Was meint ihr dazu?

Parallel habe ich mir Gedanken darüber gemacht, welche Erzählung euch interessieren könnte und womit ich den vielen Anfragen über einen weiteren Teil zu meiner eigenen Geschichte Tribut zollen kann. Ich habe eine geschrieben und hoffe, dass diese euch erfreut/ aufwühlt/ weiterbringt oder einfach unterhält. Wohlan, hier ist sie.

25jähriges Diabetes-Jubiläum

Am 01.03.2017 war es soweit. Ich wurde 25 Jahre alt. Also, eher wir. Genau genommen ist es mein Leben mit Diabetes, welches seit 25 Jahren mein Leben zuckert. Ein Grund zum Feiern? Diabetes zu bekommen ist nun wirklich kein Ereignis, dessen Ankunft man sich wünschte und über welches man sich derart freut, dass er nun zu einem gehört, dass man eine Party schmeißen müsste! Oder?

Meine Mama hat sich diesen Tag gemerkt. Sehr gut sogar. An diesem wurde klar, warum ich monatelang so schwach, blass, durstig und unkonzentriert war. Es war der Tag, an welchem ich ins Koma fiel und meine Mutter zuvor noch mit meinem Haargummi bewarf und schimpfte, dass sie mir nichts zu trinken brachte. Ich erinnere mich daran nicht mehr. Auch nicht, dass ich bis zum Wurf des Gummis bereits gläserweise Wasser getrunken hatte. Ich selbst erinnere mich nur an das freundliche Gesicht des jungen Pflegers, welcher an meinem Bett saß und mich bewachte. Die 9 Jahre davor und die Tage danach sind in tiefer Schwärze versunken.

"Ihre Tochter hat Diabetes. Wir wissen nicht, ob sie bleibende Schäden durch das kurze Koma behalten wird." Auf meine Mutter stürzten Millionen von Informationen ein und diese führten natürlich zu großen Ängsten. Sie ließ sich mit ins Krankenhaus einweisen. Sie wollte für mich da sein. Ich sprach mit niemandem, versteckte mich und erinnere mich zunächst nur an meine Mutter und meine Schulfreundin. Mühsam und geduldig erarbeitete sie mit mir Buchstaben, Zahlen und Menschen – ich hatte so vieles vergessen. Der Körper war schwach, die Augen fast nicht zu gebrauchen und jeder Schritt bedurfte großer Kraft und ein gewisses Maß an Überwindung.

9 BE glutenfrei

Es wurde berechnet, wie viel Salz, Fett, Kohlenhydrate usw. ich täglich verzehren dürfe. Seit meinem 6. Lebensmonat war bekannt, dass ich mich glutenfrei ernähren muss. Ich wog 29 kg bei 1,40m Körpergröße. Meine ohnehin eher geringe Ernährung bestand aus Bananen, Weintrauben und Wurst. Zu dieser Zeit (1992) gab es kaum glutenfreie Produkte. Und wenn, dann nur in Reformhäusern. Geschmacklich waren diese auch keine Freude. Meine bisherige Ernährung mit Obst und Wurst war also vorbei. Diese Lebensmittel wurden mir damals verboten. Dennoch sollte ich mind. 9 BE am Tag essen. Und unbedingt zunehmen. Unschaffbar! Ich war traurig und quälte in mich hinein, was eben hinein musste. Aber, was tat meine Superschutzmama? Sie holte ein Brathähnchen und ich durfte die GANZE Haut essen! Meine Retterin! Damals war das ein Verbrechen. Ihr war das egal und an ihr glitt die Kritik lächelnd ab, als sie mein vor Freude strahlendes Gesicht sah.

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Der Tag der Diabetes-Diagnose wird jedes Jahr von Maya und ihrer Mama damit gefeiert, sich einen schönen Tag zu machen.

Sie gab nie auf, weinte nur ein einziges Mal vor meinen Augen und brachte mich wiederholt auf die Welt. Ich erholte mich langsam, durfte sogar in die 4. Klasse gehen und wurde Diabetesprofi. 1994 war ich das erste Kind mit Insulinpumpe in Deutschland. Der Diabetes war trotz großer Mühen nicht gut einstellbar. Ich wollte aber gut eingestellt sein! Und 2. wollte ich die Sportschule am Sportforum besuchen dürfen. Meiner Mutter gelang es, dass ich die Pumpe nach langem Hin und Her bekam. Ich war stolz wie Bolle! Wir kämpften gemeinsam gegen die Folgen des Komas und des lang davor unentdeckten Diabetes. Es waren Operationen am Auge notwendig, es gab unzählige Untersuchungen und haufenweise Krankheitstage. Meine Mutter war immer uneingeschränkt an meiner Seite. Sie unterstützte mich und wusste, dass ich sie niemals anlügen würde. Ungläubigkeit ist bei Ärzten und in Schulen leider sehr verbreitet. Wenn der ´Zucker nicht läuft´ ist immer die Schuldfrage im Raum. Ich bin sicher, ihr kennt das!

Ich wurde älter, Pubertät, 18. Geburtstag, Auszug – sie lehrte mich Laufen und ließ mich gehen. Sie ist dankbar dafür, dass ich noch da bin und sie ist stolz, dass ich den Kampf nie aufgab. Jedes Jahr am 29.2. – oder eben 1.3. – bekomme ich ein Geschenk von meiner Mama. Manchmal machen wir uns auch einen schönen Tag beim Friseur – mit Frühstück, Sekt und allem Drum und Dran. Niemand weiß, wie mein Leben, das Leben meiner Mutter, meines Bruders oder Vaters verlaufen wäre, wenn es den 29.02.1992 nicht gegeben hätte oder schlimmer, wenn er zum Datum auf einem Stein geworden wäre.

Jeder, der selbst Diabetes hat oder eng mit einem Menschen lebt, der betroffen ist, weiß, wie hart man daran arbeiten muss, gut mit – aber eben nicht für den Diabetes zu leben. Ja, es ist ein Grund zum Feiern! Ich feiere meine Familie – besonders meine Mama – an diesem Tag. Ich gebe mir seit dem Beginn der Panikattacken vor 2,5 Jahren die Zeit, darüber nachzudenken, was wir erreicht haben. Dankbar dafür zu sein, dass es mir heute so gut geht und anzuerkennen, was dafür nötig war und ist. Ich versuche, Stolz auf mich selbst zu entwickeln. Ich weiß wohl, dass es Gründe für mich gibt, stolz zu sein. Das Gefühl jedoch hängt noch irgendwo zwischen Versagen und Sachlichkeit in meinem Herzen fest. Oder im Hirn. Rückblickend auf diese Erlebnisse verstehe ich heute, dass mein Leben anstrengender war als das vieler anderer. Für die Pflege meiner Psyche war häufig schlicht keine Zeit. Vielleicht ist es so, dass diese Panik mir jetzt die Möglichkeit dafür gibt. Sie zwingt mich zum Aufarbeiten, zum Verstehen und lässt die Wunden heilen, die Schmerz in Leid verwandelten. „Die Panik ist ihr Freund“ – so spricht der Psychologe. Wie sehr ich diesen Satz hasste! „Die Panik ist mein Feind“ – so dachte ich! Allerdings scheine ich langsam die Version meines Therapeuten zu verstehen.

Seid mutig genug für eure Ängste und tapfer genug für eure Schwächen.

Herzlich, Maya