Diabetes Tagebuch 2.0: Der Diabetologe Dr. Klepzig über digitale Technologien

Muster erkennen und darauf reagieren

Gemeinsam mit seinen Patienten Muster erkennen und darauf reagieren: Dr. Klepzig über die Vorteile digitaler Lösungen anstelle handschriftlicher Diabetes Tagebücher.

Diabetes Tagebuch Interview Diabetes Management
Dr. Christian Klepzig ist niedergelassener Diabetologe in Offenbach

Herr Dr. Klepzig, welche digitalen Technologien setzen Sie heute bereits in ihrer diabetologischen Schwerpunktpraxis ein?

Moderne Blutzuckermessgeräte wie die der Marke Accu-Chek haben eine Speicherfunktion, die mit einem speziellen Gerät und einer Software – ich verwende Accu-Chek Smartpix – ausgelesen werden können. Ich lege einfach das Gerät des Patienten vor das Lesegerät und kann an meinem PC direkt und übersichtlich sehen, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit welcher Blutzuckerwert seit dem letzten Besuch gemessen wurde.

Welche Vorteile bietet das in Ihrer täglichen Arbeit?

Das oft mühsame Auswerten handschriftlicher Aufzeichnungen entfällt. Nicht all meine Patienten  schreiben ihre Werte ordentlich und leserlich auf. Sich da durchzuarbeiten ist recht zeitintensiv. Zeit, die dann für das eigentliche Gespräch fehlt.

Außerdem ist die Technik verlässlicher. Bei handschriftlichen Diabetes Tagebüchern fehlen oftmals Werte, es kommt auch manchmal vor, dass die Blutzuckerwerte geschönt werden, weil man den Arzt nicht enttäuschen will. Der Arzt soll nicht traurig sein, dass seine Therapie nicht so wie gewünscht funktioniert.

Ein weiterer Vorteil ist die grafische Darstellung am PC, wobei ich hier aus verschiedenen Darstellungsmöglichkeiten und Detailtiefen wählen kann: alle Einzelmessungen, tageweise oder wochenweise, vor oder nach einer Mahlzeit, mit oder ohne Auflistung der verabreichten Insulinmengen. Anhand dieser Kurven lassen sich schnell Muster erkennen und die Therapie entsprechend anpassen.

Hätten Sie dafür ein Beispiel?

Bei einem türkischen Patienten fiel Dank der grafischen Darstellung auf, dass Blutzuckerspitzen sehr häufig, aber nicht immer, abends auftraten. Ursache war der kulturelle Hintergrund: Abendeinladungen zum Essen sind in der türkischen Gesellschaft an der Tagesordnung und es gilt als grob unhöflich, sowohl als Gast als auch als Gastgeber, nicht reichlich zuzulangen. Kein Wunder, dass danach der Blutzucker aus dem Ruder läuft.

Manchmal hilft die Wochendarstellung der Blutzuckerwerte besser beim Erkennen von Verhaltensmustern, beziehungsweise von Diätfehlern. Eine ältere Dame hatte fast immer Sonntagabend schlechte Blutzuckerwerte. Mit dieser zeitlichen Zuordnung konnte ich im Gespräch mit ihr schnell klären, dass die sonntägliche Kaffeetafel die Ursache war. Mit diesem Wissen kann ich die Therapie anpassen. Meist genügt es, dass die Betroffenen das Problem sehen und sich dann beim Kuchen zurückhalten. Wenn es gar nicht anders geht, muss eventuell auch die Insulindosis angepasst werden. Dank dieser Technik kommen wir einen Schritt weiter auf dem Weg zur maßgeschneiderten Behandlung.

Bietet Ihnen diese Technik auch Vorteile im direkten Gespräch?

Da ein Bild mehr als tausend Worte sagt, nutze ich die grafische Aufbereitung für das Gespräch mit den Patienten. Ich drehe einfach meinen Bildschirm herum. Die Patienten erkennen dann bei den Kurven schnell, wo beziehungsweise wann die Probleme auftreten. Das ist bei jedem hilfreich, aber besonders bei Analphabeten und Patienten, die der deutschen Sprache nur schlecht mächtig sind. Beides kommt bei mir nicht selten vor, da meine Praxis in einer Stadt mit hohem Ausländeranteil liegt.

Können Sie feststellen, ob diese digitale Technik insgesamt Ihre Behandlungsergebnisse verbessert?

Ich verwende seit drei Jahren diese Technik. Da kann man noch keine Aussage über langfristige Erfolge machen. Ich habe aber den Eindruck, dass ich generell eine bessere Blutzuckereinstellung der Patienten erreichen konnte. Mittelfristig erwarte ich weniger Folgeschäden wie Durchblutungsstörungen oder Fußgeschwüre –  und insgesamt mehr Lebensqualität für meine Patienten.