Begleit- und Folgeerkrankungen

Bei Diabetes immer auch die Schilddrüse im Blick behalten

01.07.2021 / #meinbuntesleben Redaktion
Schilddrüse
Kleine Drüse mit großer Wirkung – die Schilddrüse ähnelt optisch einem Schmetterling und hat einen großen Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden.

Wenn der Blutzucker unerklärliche Kapriolen schlägt, kann das möglicherweise zum Teil auch an der Schilddrüse liegen. Das schmetterlingsförmige Organ, das im vorderen Halsbereich angesiedelt ist, schüttet nämlich Hormone aus, die sich auf die Wirkung des Insulins und damit auch auf die Höhe des Blutzuckers auswirken.

Diabeteswissen kompakt

Die Schilddrüse sitzt vorne im Hals in der Höhe des Kehlkopfes. Sie besteht aus zwei Drüsenlappen, die rechts und links neben der Luftröhre liegen und dem Organ die Form eines Schmetterlings verleihen. Die Schilddrüse produziert die beiden Botenstoffe Thyroxin, kurz T4 genannt, und Trijodthyronin, das T3 abgekürzt wird. Gesteuert wird die Ausschüttung von T3 und T4 durch ein weiteres Hormon, das in der Hirnanhangdrüse produziert wird: Thyreoidea Stimulierendes Hormon (kurz: TSH).

  • Steigt die Konzentration von T3 und T4 im Blut an, wird weniger TSH ausgeschüttet.
  • Fällt die Konzentration von T3 und T4 im Blut ab, wird mehr TSH ausgeschüttet, um die Schilddrüse wieder auf Trab zu bringen.
  • Ob mit der Schilddrüse alles in Ordnung ist, lässt sich an den Spiegeln von T3, T4 und TSH ablesen – aus diesem Grund tauchen sie auch häufig in Laborberichten auf.


Das leistet eine gesunde Schilddrüse

T3 und T4 sind echte Multitalente, die bereits vor der Geburt aktiv werden: Sie fördern zum Beispiel das Wachstum des Nerven- und Skelettsystems in der Embryonal- und Kindesentwicklung. Ganz allgemein regulieren sie den Eiweiß-, Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel im Körper. Daneben steigern die Botenstoffe die Stoffwechselaktivität in Ruhe (Grundumsatz) und damit den Sauerstoffverbrauch, fördern die Neubildung von Eiweißen in den Zellen, kurbeln den Fettstoffwechsel an und regeln Wärmehaushalt und Körpertemperatur. Außerdem können sie die Wirkung der Stresshormone Noradrenalin und Adrenalin sowie die Ausscheidung von Cholesterin steigern.

Störungen der Schilddrüsenfunktion

Ohne die Schilddrüse läuft also ganz offensichtlich nicht viel im menschlichen Körper. Allerdings kann die Arbeit dieses Organs auch aus dem Takt geraten. Dann kommt es zu einer Über- bzw. Unterfunktion der Schilddrüse. Menschen mit Diabetes sind etwas häufiger als die Allgemeinbevölkerung von Schilddrüsenerkrankungen betroffen. [1] Diese können als Folge von Stoffwechselentgleisungen entstehen, aufgrund einer diabetischen Neuropathie oder infolge von Gefäßschäden. Daher ist es wichtig, über die Symptome Bescheid zu wissen, um eine gestörte Schilddrüsenfunktion rasch erkennen zu können.

Unterfunktion der Schilddrüse [2]

Bei einer Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) bildet die Schilddrüse zu wenig T3 und T4. Dies führt dazu, dass sich der Stoffwechsel verlangsamt und die Leistungsfähigkeit reduziert wird. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. [3] Eine mögliche Ursache für den Prozess ist die sogenannte Hashimoto-Thyreoiditis. Hierbei handelt es sich – wie auch beim Typ-1-Diabetes – um eine Autoimmunerkrankung, bei der die Schilddrüse dauerhaft entzündet ist, weil der eigene Körper Antikörper gegen sie bildet. Ein Hashimoto tritt bei Menschen mit Typ-1-Diabetes drei- bis fünfmal häufiger auf als bei anderen. Der Krankheitsverlauf ist schleichend: Manchmal entsteht die Unterfunktion erst Monate oder sogar Jahre nach dem ersten Nachweis von Antikörpern im Blut. Erst wenn die T3- und T4-Konzentrationen reduziert sind, muss die Unterfunktion behandelt werden, und zwar durch eine lebenslange Einnahme des künstlich hergestellten Hormons L-Thyroxin, mit dem die Symptome sehr gut zu behandeln sind. Unbehandelt kann eine Schilddrüsenunterfunktion psychische Störungen bis hin zu Halluzinationen und Wahnzustände auslösen. Ein schwerer und langer Verlauf kann zu einer vermehrten Wassereinlagerung in das Körpergewebe (Ödem) führen.

Wie erkennt man eine mögliche Unterfunktion?

  • Sinkender täglicher Insulinbedarf
  • Gesteigerte Insulinempfindlichkeit und verminderte Insulinresistenz
  • Verstopfung
  • Gewichtszunahme ohne Änderung der Ernährungsgewohnheiten
  • Geschwollenes Gesicht mit verdickten Lippen und vergrößerter Zunge
  • Trockene, teigige Haut, Haarausfall
  • Niedriger Puls und niedriger Blutdruck
  • Aufmerksamkeitsstörungen, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme
  • Bei Frauen: Zyklusstörungen
  • Depressive Verstimmungen und Angststörungen
  • Im Laborbericht: Hohe Konzentration von TSH, niedrige T3- und T4-Werte


Überfunktion der Schilddrüse [4]

Bei einer Überfunktion der Schilddrüse (Hyperthyreose) produziert die Schilddrüse zu viel T3 und T4. Im Übermaß produziert beschleunigen sie den Stoffwechsel – dieser läuft dann gewissermaßen auf Hochtouren. Besonders häufig betroffen sind auch hier Frauen, außerdem ältere Menschen. Auch hinter einer Überfunktion kann ein autoimmuner Prozess stecken: Dann bildet das Immunsystem Autoantikörper gegen die Schilddrüse, die Zellen des Organs dazu anregen, vermehrt Schilddrüsenhormone herzustellen. In diesem Fall spricht man von einem sogenannten Morbus Basedow. Er tritt meist zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr auf und ist bei Menschen mit Typ-1-Diabetes ebenfalls etwas häufiger als in der Allgemeinbevölkerung zu finden. Bei älteren Menschen entsteht eine Überfunktion meist durch eine Autonomie des Organs. Dabei beginnt die Schilddrüse, eigenständig die Hormonproduktion zu steigern, ohne der Steuerung durch das Gehirn zu gehorchen. Häufigster Grund für eine Autonomie ist ein Mangel an Jod, der zu einer verringerten Hormonproduktion in der Schilddrüse führt – die dann wiederum versucht, den Mangel durch verstärktes Wachstum auszugleichen. Mit einer Überfunktion der Schilddrüse ist nicht zu spaßen: Sie kann unbehandelt zu hohem Fieber, Herzrasen, Erbrechen und Durchfall, Muskelschwäche, Schweißausbrüchen, Austrocknung des Körpers und Unruhe bis zum Delirium führen, gefolgt von weiteren bis hin zu lebensbedrohlichen Folgen. Eine Überfunktion sollte daher unbedingt behandelt werden. Hierfür kommen Medikamente zum Absenken des T3- und T4-Spiegels (Thyreostatika), eine Radio-Jod-Therapie oder auch eine Operation infrage.

Wie erkennt man eine mögliche Überfunktion?

  • Erhöhter Insulinbedarf
  • Verstärkte Insulinresistenz, verminderte Insulinempfindlichkeit
  • Herz-Kreislauf-Störungen: vorübergehend oder ständig erhöhter Puls, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck, beengendes Gefühl in der Herzgegend
  • Erhöhte Körpertemperatur, Überempfindlichkeit gegen Wärme, Schwitzen
  • Gewichtsverlust trotz starken Hungergefühls und erhöhter Nahrungsaufnahme
  • Muskelkrämpfe und Zittern
  • Durchfall
  • Feuchtwarme, samtartige Haut, brüchige Fingernägel und Haarausfall
  • Bei Frauen: Zyklusstörungen
  • Nervosität, Aggressivität, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen
  • Ausgeprägter Kropf (bei Morbus Basedow)
  • Hervortretende Augäpfel (bei Morbus Basedow)


Auch wenn diese Auflistung ein wenig beängstigend klingt, sollten Menschen mit Diabetes sich davon nicht unnötig schrecken lassen. Denn sowohl die Unter- als auch die Überfunktion der Schilddrüse sind gut behandelbar. Doch wegen des erhöhten Risikos ist es wichtig, dass Menschen mit Diabetes bei den Vorsorgeterminen in ihrer Diabetespraxis regelmäßig – mindestens einmal im Jahr bzw. immer bei unklaren Veränderungen – ihre Schilddrüse untersuchen lassen. In der Regel ist es zur Vorsorge ausreichend, im Labor den TSH-Wert bestimmen zu lassen: Ist dieser Wert normal, kann eine Schilddrüsenstörung normalerweise ausgeschlossen werden. Erhöhte TSH-Werte weisen auf eine Unterfunktion, erniedrigte TSH-Werte auf eine Überfunktion hin. Dann wird die Ärztin oder der Arzt zusätzlich auch die T3- und T4-Spiegel bestimmen sowie das Blut auf Antikörper untersuchen lassen.

Quellen

[1] Schumm-Draeger PM. Schilddrüse und Diabetes: Interaktion wird unterschätzt. Dtsch Arztebl 2016; 113(43): [4]; DOI: 10.3238/PersDia.2016.10.28.01, https://www.aerzteblatt.de/archiv/183181/Schilddruese-und-Diabetes-Interaktion-wird-unterschaetzt [zuletzt abgefragt am 18.6.2021] 

[2] Mehr Infos zum Beispiel siehe https://www.internisten-im-netz.de/krankheiten/schilddruesenunterfunktion/was-ist-eine-schilddruesenunterfunktion.html [zuletzt abgefragt am 14.6.2021]

[3] Pressemitteilung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) vom 29.4.2021, https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/presse/typ-1-diabetes-und-hashimoto-thyreoiditis-treten-haeufig-gemeinsam-auf [zuletzt abgefragt am 14.6.2021]

[4] Mehr Infos zum Beispiel siehe https://www.internisten-im-netz.de/krankheiten/schilddruesenueberfunktion/was-ist-eine-schildruesenueberfunktion.html [zuletzt abgefragt am 14.6.2021]