Risiken und Chancen

Chirurgische Eingriffe bei starkem Übergewicht

21.04.2020 / #meinbuntesleben Redaktion
Ein Mann vermisst seinen Bauchumfang mit einem Maßband.
Adipositas gilt als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes.

Die Zahl der Erwachsenen mit starkem Übergewicht nimmt weiter zu. Bei manchen Betroffenen helfen auch Ernährungsumstellung, mehr Bewegung und Medikamente nicht weiter. Dann ist oftmals eine Operation die letzte Möglichkeit.

In Deutschland sind zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen übergewichtig. Ein Viertel der Erwachsenen ist sogar stark übergewichtig (adipös). [1] Eine Adipositas bei Erwachsenen liegt vor, wenn der Body-Mass-Index (BMI) 30 kg/m2 und mehr aufweist. Mit einem Online-Rechner kann jeder seinen persönlichen BMI ermitteln. [2]

Erste Wahl: Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie

Adipositas gilt als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes. Es kann sich also auszahlen, den überschüssigen Kilos den Kampf anzusagen. Der erste Schritt zum nachhaltig schlankeren Ich besteht in einer Kombination aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. Bei schwer adipösen Menschen – darunter versteht man Menschen mit einem BMI von über 40 kg/m2 – sind diese Maßnahmen aber nicht immer erfolgreich. Erfahrungswerte aus der Therapie zeigen, dass auch spezielle Medikamente, die das Hungergefühl dämpfen oder die Nährstoffverwertung im Darm beeinflussen, bei massiv Übergewichtigen nur selten zu einer nachhaltigen Gewichtsabnahme führen. [3]

Chirurgischer Eingriff in Schlüssellochtechnik

Sind alle konventionellen Möglichkeiten ohne Erfolg ausgeschöpft, kann für diese Personengruppe unter Umständen eine Magenverkleinerung eine Lösung sein. Dabei handelt es sich um einen chirurgischen Eingriff, durch den das Magenvolumen verkleinert und ggf. auch der Weg zwischen Magen und Darm verkürzt wird. Die derzeit am häufigsten eingesetzten Verfahren sind der Schlauchmagen und der Magenbypass. Die meisten dieser Eingriffe werden durch einen kleinen Schnitt in der Bauchdecke durchgeführt – wie durch ein Schlüsselloch. Der minimale Eingriff macht die OP weniger riskant und verkürzt den Heilungsprozess. [4]

  • Beim Schlauchmagen wird das Gesamtvolumen des Magens verkleinert. Es handelt sich um eine größere Operation als beim Magenband. Hierbei entfernen die Ärzte große Teile des Magens und wandeln ihn in eine Art Schlauch um. So kann der Patient nur noch kleinere Portionen Nahrung aufnehmen. Bei diesem Verfahren steigt allerdings auch das Risiko größerer Komplikationen.
     
  • Der Magenbypass ist ein großer Eingriff, bei dem der Magen-Darm-Trakt operativ so umgebaut wird, dass die Nahrung kurz hinter dem Mageneingang direkt in untere Teile des Darms gelangt. Der Körper nimmt durch diese „Abkürzung“ weniger Nährstoffe und damit auch weniger Kalorien auf. Allerdings gehen dadurch auch Vitamine und Mineralstoffe verloren, sodass die Betroffenen lebenslang Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen müssen. Auch bei diesem Verfahren besteht ein erhöhtes Risiko für Komplikationen.
     
  • Beim Duodenal Switch („Dünndarm-Umstellung“) handelt es sich um den größten operativen Eingriff, der deshalb nur bei wenigen, extrem übergewichtigen Patienten eingesetzt wird. Hierbei umgeht man noch größere Anteile des Dünndarms: Eine Dünndarmschlinge schließt den schlauchartig verkleinerten Magen erst kurz vor dem Dickdarm wieder an den Verdauungstrakt an. Ebenso wie beim Magenbypass kommt es jedoch zu einem Nährstoffmangel und es können Verdauungsprobleme auftreten.
     

Dabei muss jedoch bedacht werden, dass zwar Magenverkleinerungen viele Probleme lösen können, aber auch viele neue schaffen (u.a. Nährstoff Mangelerscheinungen, Durchfall, Bauchschmerzen etc.) und eine lebenslange Nachsorge nach sich ziehen.

Diabetes Remission nach chirurgischen Eingriffen

Eine 2020 veröffentlichte Studie aus Großbritannien [5] hat gezeigt, dass es nach einem solchen chirurgischen Eingriff und dem damit verbundenen Gewichtsverlust bei allen Patienten zu deutlich weniger Herzinfarkten und Schlaganfällen kam. Für Menschen mit Typ-2-Diabetes kann noch ein weiterer Vorteil durch den Eingriff entstehen: Wie die Fachgesellschaften in ihrer aktuellen Leitlinie [6] betonen, verbessern sich die Blutzuckerwerte nach der Operation oft deutlich. Der Langzeitzuckerwert (HbA1c-Wert) kann um 0,5 bis 2,0 Prozentpunkte sinken. Zwischen 30 und 63 Prozent der Patienten benötigen nach einer solchen Operation sogar gar kein Insulin oder Diabetesmedikamente mehr – ein Zustand, den Fachleute als Diabetes-Remission bezeichnen. Bei 50 bis 65 Prozent hielt die Remission bis zu fünf Jahre an. Hierfür scheint nicht nur das verringerte Gewicht verantwortlich zu sein, sondern auch die veränderte Anatomie des Verdauungstrakts. Dieser setzt nach einem Eingriff am Magen andere Hormone frei, außerdem verändern sich das Essverhalten und die Darmflora. Für Menschen mit Typ-2-Diabetes empfehlen die Experten Operationen deshalb bereits ab einem BMI von 35 kg/m2, wenn alle anderen Therapieoptionen erschöpft sind.

Kassenleistung nur im Einzelfall

Diese Eingriffe sind bislang keine Regelleistungen in der gesetzlichen Krankenversicherung. Sie können aber im Einzelfall beantragt und von der Kasse finanziert werden. Hierfür muss ein Gutachten bestätigen, dass sämtliche nicht-operativen Methoden zur Gewichtsreduktion ausgeschöpft wurden und nicht erfolgreich waren. Für die Beratung und Therapie sollten sich Interessierte an ein qualifiziertes Adipositas-Zentrum [7] wenden. Diese Zentren helfen nicht nur bei der medizinischen Therapie, sondern vermitteln auch psychologische Begleitung und stellen den Kontakt zu Selbsthilfegruppen her

Quellen:

[3] Diabetes-Informationsdienst München, Themenspezial Adipositas-Therapie, https://www.diabetesinformationsdienst-muenchen.de/erkrankungsformen/adi...

[4] Diabetes-Informationsdienst München, Themenspezial Adipositas-Therapie, https://www.diabetesinformationsdienst-muenchen.de/erkrankungsformen/adi...

[5] Moussa et al.: Effect of bariatric surgery on long-term cardiovascular outcomes: a nationwide nestet cohort study. In: European Heart Journal 2020; 0: 1–8 https://academic.oup.com/eurheartj/advance-article/doi/10.1093/eurheartj...

[6] S3-Leitlinie: Chirurgie der Adipositas und metabolischer Erkrankungen, Version 2.3 (Februar 2018) AWMF-Register Nr. 088-001, Seite 40 https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/088-001l_S3_Chirurgie-Adipo...

[7] Eine Liste von Adipositas-Zentren in Deutschland findet man u. a. auf der Seite des Adipositas-Verbandes unter https://www.adipositasverband.de/service/