Autorin Antje Thiel über ihr Typ-F-Buch

Mutmach-Buch für Menschen mit Diabetes und Angehörige

Zu jedem Menschen mit Diabetes gehören Menschen, die hinter ihm stehen und an seinem Leben teilhaben. Diesen „Typ-F“s – den Partnern, Eltern, Geschwistern, Freunden – hat sich Antje Thiel  in ihrem neuen Buch „In guten wie in schlechten Werten“ gewidmet.

Antje Thiel: Buchautorin von "In guten wie in schlechten Werten"
Autorin Antje Thiel lebt seit 2010 selbst mit Typ-1-Diabetes.

Kannst Du uns kurz Dein neues Buch beschreiben?

Es ist ein Mutmach-Buch, in dem es um die Lebenspartnerinnen und –partner sowie Familien von Menschen mit Diabetes geht. Denn viele vergessen leider, dass es auch die Angehörigen sehr belasten kann, wenn ein Familienmitglied eine chronische Erkrankung wie Diabetes hat. Ich habe 15 Paare und Familien in ihrem Zuhause besucht, mit ihnen gesprochen und ihre Geschichten aufgeschrieben. Außerdem habe ich Experten befragt, die diese individuellen Porträts noch einmal in einen größeren Zusammenhang eingeordnet haben.

Welche Themen lagen Dir besonders am Herzen?

Ich möchte den Angehörigen von Menschen mit Diabetes eine Stimme geben und zeigen, dass man ihre Sorgen und Ängste ernst nehmen sollte. Wenn Angehörige nach der Diabetes-Diagnose ihres Familienmitglieds nach Informationen suchen, auf mein Buch stoßen und daraus ein wenig Kraft, Trost und Motivation schöpfen können, dann wäre das ein toller Erfolg. Es gibt schließlich jede Menge Bücher, in denen man sich Fachwissen über Diabetes aneignen kann. Doch Fachbücher verraten einem nicht, wie es sich anfühlt, mit Diabetes zu leben, Angst vor einer nächtlichen Unterzuckerung der Tochter zu haben oder mit den Folgeerkrankungen des Partners zurechtzukommen. Dabei sind es ja gerade diese Emotionen, die unser Verhalten im Alltag bestimmen.

Wie bist Du auf die Idee zu Deinem Buchprojekt gekommen? Was hat Dich dazu motiviert?

Im Frühjahr 2015 habe ich für die Zeitschrift „Focus Diabetes“ eine Titelgeschichte zum Thema „Diabetes und Angehörige“ geschrieben. Und dachte bei meiner ersten Recherche ganz unbedarft, dass es doch sicher bereits Ratgeber-Bücher für die Angehörigen von Menschen mit Diabetes gibt. Gab es aber leider nicht – und das hat mich erstaunt. Es gibt 6–8 Millionen Menschen mit Diabetes in Deutschland, und jeder einzelne hat Familie, Freundinnen und Freunde, die doch sicherlich ein paar Fragen, Sorgen und Ängste haben. Ich hatte den Eindruck, dass ich hier vielleicht eine Lücke füllen kann, und sehr viele Menschen in meinem Umfeld haben mich darin bestärkt.

Wie hast Du Deine Interviewpartner gefunden? Welche Schwierigkeiten gab es dabei?

Für die Suche nach Familien und Paaren bin ich ganz unterschiedliche Wege gegangen. Ich habe zum einen Aufrufe in Facebook-Gruppen gestellt und hierauf sehr viel Resonanz bekommen. Daneben habe ich über mein Blog gesucht. Außerdem haben zwei Diabetologen in ihren Patienten-Karteien nach Patientinnen und Patienten mit speziellen Herausforderungen gesucht und sie dann angesprochen, ob sie nicht Lust haben, an meinem Buchprojekt mitzuwirken. Für eine ganze Reihe von Themen habe ich auf diese Weise ohne große Probleme Interviewpartner gefunden. Nicht ganz so leicht war es – verständlicherweise – Menschen zu finden, die offen über etwas heiklere Themen wie etwa sexuelle Funktionsstörungen infolge des Diabetes zu sprechen und was das für ihre Beziehung bedeutet.

Wen Du interviewst und welche der Geschichten Du veröffentlichst – wie hast Du eine Auswahl getroffen?

Während der Planungsphase hatte ich mehrere Themenbereiche abgesteckt, die ich gern abdecken wollte. Ich wollte zum Beispiel gern ein Fallbeispiel im Buch haben, an dem deutlich wird, welchen Einfluss der Diabetes auf die gemeinsamen Mahlzeiten in der Familie haben kann. Oder eines, in dem deutlich wird, dass Angehörige manchmal auf einem sehr schmalen Grat wandeln, wenn sie die Balance zwischen Unterstützung und Bevormundung halten wollen. In meinen telefonischen Vorgesprächen habe ich dann versucht herauszufinden, welche Geschichten in mein grobes Gerüst hineinpassen. Und wenn es hinhaute, habe ich Termine für die persönlichen Interviews vereinbart.

Welche Geschichte hat Dich persönlich am meisten berührt?

Es fällt mir schwer, hier genau eine Geschichte zu nennen, weil mich alle Schicksale – jedes auf seine Weise – sehr beeindruckt haben. Ich war auch sehr positiv überrascht, wie vertrauensvoll sich die Familien und Paare mir in den Interviews geöffnet und mir Einblick in ihr ganz privates Zusammenleben gewährt haben. Am meisten nahe gegangen ist mir aber vielleicht die Geschichte eines Paares, das ganz in meiner Nähe lebt. Er hat Typ-1-Diabetes und hatte vor etlichen Jahren einen Schlaganfall. Seither ist eine Körperhälfte gelähmt und sein Sprachzentrum geschädigt. Er kann nicht mehr sprechen und sich nicht mehr richtig mit seiner Frau unterhalten, dabei war er vor seinem Schlaganfall ein redseliger Typ, der viel zu erzählen hatte. Ich kann mir kaum ausmalen, was so etwas für mich und die Beziehung zu meinem Mann bedeuten würde!

Siehst Du einen roten Faden, der sich durch alle oder viele der Geschichten zieht?

Ja, für alle Familien und Paare gilt: Diabetes ist viel mehr als die nüchternen Zahlen wie Nüchtern-Blutzucker, HbA1c-Wert, Zielbereich, Gewicht, Cholesterinwerte etc., die man einmal im Quartal mit seinem Diabetologen bespricht. Diabetes kann sehr anstrengend sein und erfordern, dass man als Paar oder Familie Kompromisse eingeht. Da muss man vieles aushandeln und immer wieder neu besprechen – manches auch einfach lernen zu ertragen. Der Diabetes ist deshalb auch im Alltag von Angehörigen sehr präsent, und das sollte man unbedingt berücksichtigen und anerkennen!

Wie hat die Arbeit an Deinem Buch und die Menschen, die Du kennengelernt hast, auch Dich selbst beeinflusst?

Im Kontakt mit meinen Interviewpartnerinnen und –partnern habe ich mitbekommen, dass der Diabetes manch anderen Familien und Paaren deutlich mehr abverlangt als mir, meinem Mann und meiner Familie. Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, dass es in meiner Partnerschaft und Familie noch nie zu gravierenden Konflikten wegen meines Diabetes gekommen ist. Dafür bin ich sehr dankbar – noch um einiges dankbarer als vor meiner Arbeit an diesem Buch.

Was möchtest Du Deinen Lesern mit auf den Weg geben?

Ihr seid nicht allein, es gibt unglaublich viele Menschen, denen es ebenso geht wie euch! Mit dem Diabetes zieht quasi ein neuer Mitbewohner in die Familie ein – und zwar einer, den niemand eingeladen hat und den niemand wirklich gern hat. Es hilft nichts, diesen ungebetenen Weggefährten zu ignorieren. Man muss darüber sprechen, was an ihm nervt und belastet – und wie man den Umgang mit ihm für alle Beteiligten erträglich gestalten kann. Probleme entstehen immer dann, wenn es den Beteiligten nicht so recht gelingt, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Also: Redet miteinander, ganz viel!

Antje Thiel: „In guten wie in schlechten Werten“ - Was das Leben mit Diabetes für Familien & Paare bedeutet

"In guten wie in schlechten Werten" von Antje Thiel

Erhältlich beim Kirchheim-Verlag